Unter dem Motto „Bach +“ findet die diesjährige Bachwoche zum Gedenken an den 254. Todestages des Komponisten in Heidelberg statt. Das Konzert "Flow my tears" stellte, gemäß des aktuellen Mottos, Werke Johann Sebastian Bachs denen seiner englischen und italienischen Zeitgenossen – John DoBwland, John Stanley, Giovanni Battista Pergolesi, Antonio Caldara und Antonio Vivaldi – gegenüber. Das mailänder Ensemble Riverberi – Reflexion oder Nachhall – machte seinen Namen an diesem Abend zum Programm, in der Auswahl der gespielten Werke und nicht zuletzt auch in der für das Publikum beeindruckenden Einbeziehung des Raumes und des Halls in ihre Interpretation.

Auftakt des Konzertabends bildete John Dowlands „Flow, my tears“, eine Liedfassung des aus seiner Feder stammenden Tanzes „Lachrimae“. Das Lied besingt die Situation des aus dem Paradies vertriebenen Menschen. Es erklang, wie alle Werke an diesem Abend, in einer Bearbeitung des Ensemblemitgliedes Pietro Tagliaferri, der die Werke für die ungewöhnliche Besetzung aus Countertenor, Sopransaxophon, Orgel und Violoncello arrangiert hat. Besonders hervorgehoben wurde dabei die eröffnende absteigende, klagende Linie, ein Tränenmotiv, zu dem Dowland möglicherweise von Orlando di Lasso und Luca Marenzio inspiriert wurde. Dieses Arrangement bestach durch den auch in hohen Tonlagen klaren, warmen Klang der Stimme Giovanni Ducis, die vor allem im Zusammenklang mit dem Sopransaxophon eine einmalige, nuancenreiche Klangfarbe erzeugte. Leider litt die Textverständlichkeit aufgrund des starken Halls in der Heiliggeistkirche.

Gemäß des Anlasses nahmen Werke Johann Sebastian Bachs an diesem Abend eine besondere Stellung ein, und es erklangen eine Orgelfantasie sowie Arien aus seinen Kantaten, Messen, der Matthäus-Passion sowie des Weihnachtsoratoriums. Das Ensemble Riverberi beeindruckte insbesondere mit der Arie „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ aus der Kantata BWV 170. Die Musiker überraschten das Publikum, indem sie mit den räumlichen Gegebenheiten spielten. In tiefer Lage begannen Orgel und Saxophon, begleitet vom Cello, mit einer tänzerischen Melodie, deren beschwingten Charakter die Instrumentalisten durch ihr nuanciertes Spiel verdeutlichten. Für das Publikum unerwartet erklang Giovanni Ducis Stimme nun hinter den Zuhörern; im Laufe des Werkes bewegte sich Duci immer weiter nach vorne und nahm schließlich seinen Platz auf der Bühne ein. Die Bewegung im Raum erlaubte es dem Publikum, einzigartige Klangwirkungen zu erleben, insbesondere die Klangmischungen der Singstimme mit dem Sopransaxophon oder der Orgel, die einander imitierten. Auch das Zusammenwirken der Klänge, das sich mit dem Abstand des Sängers zum Ensemble veränderte, und die interessante Wirkung des Halls, der besonders in imitatorischen Passagen auffällig wurde, trugen zu diesem besonderen Klangerlebnis bei. Das sehr junge Publikum honorierte das so ungewöhnlich gestaltete Werk mit lang anhaltenden Applaus.

Der Cellist Fabio Guidolin, der die anderen Ensemblemitglieder stets begleitete, erhielt mit Antonio Caldaras Sonata für Violoncello und basso continuo, die für ihre Virtuosität bekannt ist, die Möglichkeit zu brillieren. Guidolin überzeugte mit einem klaren, weichen, sinnlichen Klang in den getragenen, tiefen Melodien der beiden langsamen Sätze. Im Grave fügte das Ensemble im Mittelteil eine Vokalise des Countertenors ein. Duci sang diesmal aus den Reihen des Publikums heraus und erzeugte abermals eine vom Komponisten nicht vorgesehene, aber irisierende Klangfarbe, gekoppelt mit einer beeindruckenden räumlichen Wirkung. In den schnellen Sätzen dieser Sonate konnte Guidolin weniger überzeugen, da er sie kaum dynamisch ausgestaltete und in höheren Lagen bisweilen intonatorische Schwächen zu bemerken waren. Insgesamt war es dennoch eine gelungene Leistung, die das Publikum wertschätzte.

Das Ensemble Riverberi begeisterte seine Zuhörer mit diesem ebenso vielseitigen wie ungewöhnlichen Konzert und zeigte mit einer fulminanten Zugabe nochmals sein Können. Die Musiker entließen ihre Hörer mit einer vom Sopransaxophonisten Pietro Tagliaferri improvisatorisch ausgestalteten Bearbeitung von „Amazing Grace“. Tagliaferri brillierte mit seiner Improvisation bis in höchste Lagen und machte sich wiederum durch Bewegung die räumliche Wirkung des Kirchenschiffes zu Eigen. Hierzu mischten sich die Klangfarben von Orgel, Violoncello und Singstimme zu einem so außergewöhnlichen wie schönen Gesamtklang. Das Ergebnis war eine überaus beeindruckende Interpretation dieses bekannten englischen Kirchenliedes, die vom Publikum mit einem ausgiebigen Applaus honoriert wurde.

Das Konzert des heutigen Abends war ein beeindruckendes und vor allem durch die ungewöhnliche Besetzung und die Vielfalt des Programmes mitreißendes Konzerterlebnis. Kleinere technische oder interpretatorische Mängel wusste das Ensemble gekonnt durch die Nutzung räumlicher Effekte sowie und eine insgesamt sehr gute künstlerischen Leistung auszugleichen. So begeisterte das Ensemble Riverberi mit diesem innovativ umgesetzten barocken Programm ihr ungewohnt junges Publikum.

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