Wenn von Vokalpionierin der Alten Musik die Rede ist, dann immer in einem Satz mit Dame Emma Kirkby. Auch hier also, führt kein Weg daran vorbei, dass die Sopranistin ab den 1970er Jahren Maßstäbe in der Aufführungspraxis der Renaissance- und Barockmusik setzte. Und das mit der Weitergabe an die nächsten Generationen bis heute tut. So außerdem nun bei dem von Claudia Hessel und Ulrike Neukamm geleiteten Festival Shalom-Musik.Köln, das jüdischer Musik aus mehreren Jahrhunderten und jüdischen Künstlern allerhand Stilrichtungen unter diesmaligem Motto „Zuhören“ eine Bühne für interessante Entdeckungen und verständnisfördernde Dialoge bietet. Solche, die frisch mit dem Ehrenamtspreis für jüdisches Leben in Deutschland gewürdigt wurden.

Im Falle Kirkbys und dem Abschlusskonzert, dem jüdischen, in Mantua tätig gewesenen Komponisten Salamone Rossi, dessen Psalmen Davids (Mizmor le David) Ārt House 17, gemeinsames Grazer Ensemble des Dramaturgen Thomas Höft, Michael Hells und Georg Kroneis', Violinistin Alfia Bakieva und vier Stipendiaten der WDR Rundfunkchor-Akademie mit Psalmvertonungen Heinrich Schütz' zusammenbrachte. Wie kaum etwas anderes stellen die Vertonungen der Psalmen Davids, bei Rossi 1623 unter Gesänge Salomos (Hashirim Asher Lishlomo) in Venedig erschienen, bei Schütz 1619 aus vorangegangener venezianischer Lehre in Dresden veröffentlicht, die jüdisch-christliche Tradition dar, der das religiöse Bild vom Menschen als Sünder zugrunde liegt. Er spendet seinen Atem, um in der Buße Gott für seine gütige Kraft zu loben.
Wie modern Rossis hebräischen Werke auf die von links nach rechts zu lesenden Notenlinien gleichsam für eine damalige Synagoge waren, verdeutlicht der Druck, der ein Rechtfertigungsvorwort des Talmudisten Leon da Modena sowie befürwortende Stellungnahmen fünf Rabbiner enthält. Dieser Modernität und kulturellen Einbindung trug Ārt House 17 mit dem freilich barockfremden Einsatz des Akkordeons anstelle einer Laute Rechnung, das dem Bass ein spezielles, epochenverbindendes Kolorit verlieh. Andächtig, aber mit ungeheurer, phrasierungs- und affektbestimmter Bewegung, lieferte Rossis Sinfonia grave à 5 die Einleitung für Schütz' „Verba mea“ und „Quoniam ad te clamabo“ aus den Cantiones Sacræ, in denen der von Kirkby instruierte und von Paul Krämer einstudierte Chor aus Katharina Hirtz, Laura Maria Püsch, Felix Läpple und Daeyeon Won seine stilistische, homogene und farbenprächtige Reife unter Beweis stellte. Eine durchweg strömende Exzellenz, die sich im noblen, würdigen und ausgewogenen Ineinandergreifen der elastischen Stimmen äußerte und am Ende mit Kirkby im dramatischen David-Psalm „An den Wassern zu Babel“ Schütz' münden sollte.
So programmchronolgisch zuvor weiter in Rossis „Lamnatsêach binginot“ auf Psalm 67, dem selbige Grundlage in Schütz' Becker-Psalter „Es woll uns Gott gnädig sein“ folgte, den Chor und Ārt House 17 in erhabener Manier und mit besinnlich-feierlichem Charakter zu einem erbauenden Momentum wachsen ließen. Anmutig und plastisch von dunklerer Zeit zu erhellender Erlösung formten die Ensembles Rossis „E'lohim hashivenu“ (Psalm 80), nach dem ihr herzlich-feierlicher, ansprechender, ehrfürchtig-schmeichelnder Klang in Schütz' Becker-Psalmpendant „Tröst uns Gott, unser Zuversicht“ den Hörer umgarnte. Feinfühlig, luftig und empathisch bestärkend gestalteten sie Schütz' Becker-Psalm 146 „Mein Seel soll loben Gott den Herrn“, der Rossis himmlischer, in der Anlage aus oben genannten synagogenverträglichen Kompatibilitätserwägungen bedächtigerer Version „Halleluja haleli“ zuvor kam.
Eine gute Portion Schwung nahm der Chor in Schütz' „Cantate dominum“ (Cantiones Sacræ) mit, die Ārt House 17 im Ausbund an folkloristischer Heiterkeit in Rossis Bergamasaca-Sonate an den Tag legte und dynamisch kalibriert war auf den Chor, leider nicht auf abendlich doch zu zierlich-matt untergehenden Sopran Kirkbys an akustisch ungünstiger Stelle in Schütz' „Singet dem Herrn“ und „Herr, unser Herrscher“ (Symphoniarum Sacrarum II). Die Sonate war mitsamt Girolamo Frescobaldis Toccata Settima, Rossis Ruggiero-Sonate, Sinfonia 16 à 3, Sonata Ottava und Giovanni Battista Fontanas Sonata Seconda eines der sinnvollen, reichhaltigen Zwischenspiele, mit denen Hell an Truhenorgel, Cembalo und Blockflöte sowie Bakieva (und Co-Violinist Raffaele Nicoletti) ihr faszinierend affektuöses, kontrastvolles, intensives und fabelhaft ausdrucksfreudiges Können bei Shalom-Musik präsentierten.





















