Nach einem Wochenende mit gestreamten Vorstellungen von Adriana Lecouvreur und Tosca hatte die Wiener Staatsoper für den Anfang dieser Woche eine Wiener Erstaufführung auf dem Programm: Das verratene Meer von Hans Werner Henze. Nach der erfolglosen Uraufführung im Jahre 1990, kam 2006 bei den Salzburger Festspielen eine vom Komponisten angepasste japanische Version zur Aufführung. In Wien wurde jene Fassung nun auf Deutsch gesungen, Dirigentin Simone Young und das Regisseursgespann Jossi Wieler und Sergio Morabito nahmen jedoch auch einige Orchesterzwischenspiele der ursprünglichen Version wieder auf.

Josh Lovell (Noboru), Vera-Lotte Boecker (Fusako) und Bo Skovhus (Ryuji)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das Libretto von Hans-Ulrich Treichel basiert auf dem Roman des Japaners Yukio Mishima (1925-1970). Dieser beschreibt den Mord einer Teenagergang an dem Schiffsoffizier Ryuji. Ryuji hatte zuvor seinen Seemannsberuf aufgegeben, um Fusako, die Mutter von Noboru, eines der Bandenmitglieder zu heiraten. Der Handlungsverlauf ähnelt einem Psychothriller: während des Orchestervorspiels stehen die fünf Bandenmitglieder mit ihren Mordwerkzeugen auf der Bühne und zum Ende des ersten Aktes wird eine Katze von ihnen als Mutprobe erschlagen. Bo Skovhus hat als Ryuji in der zweiten Szene seine lyrischsten Momente, als er singt: „Als ich das Meer zum ersten Mal sah, begann ich zu träumen.“ Er trägt mit seiner wandelbaren Stimme ebenso wie mit seinem Ausdruck als erfahrener Schauspieler die Handlung.

Kangmin Justin Kim, Josh Lovell, Stefan Astakhov und Martin Häßler
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Das groß besetzte Orchester der Wiener Staatsoper (mit sieben Schlagzeugern) berauschte mit Richard-Strauss-artigen Klangorgien, die immer wieder mit feinsinnigen kammermusikalischen Ruheinseln abgewechselt wurden. In den 14 Szenen der zweiaktigen Oper kommen eine Musette, ein Madrigal und Kinderlied vor. Mit nur sieben Sängern und ohne Chor entsteht dennoch ein dichtes, sehr abwechslungsreiches Spiel um Liebe und Verrat, Anpassung und Gruppendruck. Henze lässt das Orchester als selbstständigen Kommentator der Handlung agieren; es ist immer präsent und verlangt äußerste Konzentration vom Zuhörer. Seine Musik schockiert und umschmeichelt und fällt von einem Extrem ins andere. Henze wusste genau, was man mit einer Stimme machen kann, wie Vera-Lotte Boecker im vorab aufgenommenen Pauseninterview verriet. Young hielt das Orchester während der Gesangszenen gut im Zaum, um es in den Verwandlungsmusiken umso gewaltsamer aufspielen zu lassen.

Bo Skovhus (Ryuji) und Josh Lovell (Noboru)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

In seinem großen Monolog in der vierten Szene brachte Josh Lovell als Noboru sehr überzeugend die Irrungen und Wirrungen des vaterlosen Jungen über die Bühne. Auch seine Mittäter sind hervorragend besetzt. Countertenor Kangmin Justin Kim verfügt über einen Schmelz in der Stimme, die man gern noch öfter hören möchte. Aber auch Martin Häßler, Stefan Astakhov und Erik Van Heyningen als hassgetriebener Bandenchef prägten sich mit ihren Stimmen und überzeugendem Spiel ein. Boecker hatte als Fusako die größte Wandlungsfähigkeit aller Sänger und spielte die genervte Mutter ebenso überzeugend wie das verführerische Püppchen.

Vera-Lotte Boecker (Fusako)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Auch Anna Viebrocks Bühnenbild ist umwerfend: Ein riesiges Frachtschiff liegt an der Kade, im Vordergrund steht ein Geländer mit einer dreckigen Bank, daneben ein Schuppen, aus dem alle übrigen Requisiten heraus- und wieder hereingerollt werden. In der Schiffswand erscheint ab und zu das Schaufenster von Fusakos Boutique und damit ist die Bühne perfekt ausgestattet für den düsteren Handlungsablauf.

Bo Skovhus (Ryuji) und Vera-Lotte Boecker (Fusako)
© Michael Pöhn | Wiener Staatsoper GmbH

Henze hat ein vielfältiges Opernschaffen hinterlassen. Nach dieser beeindruckenden Wiener Aufführung wünscht man sich mehr von dieser aufwühlenden Musik auf den Opernbühnen.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der Wiener Staatsoper rezensiert.

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