Das Synonym für englische Operetten heißt „Gilbert und Sullivan“, denn die beiden Herren haben die einzigen verfasst, die hierzulande hin und wieder gespielt werden. Aber gemessen an dem Applaus für die Premiere von Die Piraten von Penzance an der Volksoper könnte sich das ändern. Das britische Regieduo Spymonkey (Toby Park und Aitor Basauri) hat an diesem Haus bereits Orpheus in der Unterwelt inszeniert, und greift auch hier zu Britenblödelei à la Monty Python.

Das kommt beim größeren Teil des Publikums gut an, und viel anders kann man dieses Werk aus 1879 heutzutage vielleicht gar nicht inszenieren. Hier geht es nicht raffiniert zu, wie in der Wiener Operette oder gar bei Jacques Offenbach, sondern der beherzte Griff in die Turboklamauk-Kiste bietet sich tatsächlich an: Librettist W.S. Gilbert baute seine Komödien hauptsächlich nach dem Muster, Erwartungshaltungen des Publikums mit dem Gegenteil zu kontern und die Handlung einen Schritt vor und wieder zurück zu schicken. So haben die Piraten etwa eine soziale Ader und verschonen Waisen. Piratenlehrling Frederic will die Piraten zwecks Suche nach dem weiblichen Geschlecht verlassen, kehrt aber wieder aus Pflichtbewusstsein zurück, zumal er am 29. Februar Geburtstag hat und die Volljährigkeit aufgrund der Schaltjahresregel nicht erreicht hat. Diese wäre aber laut Vertrag notwendig, um die Piraten zu verlassen…

Zwecks Modernisierung hat man dazu eine Rahmenhandlung erfunden, in der der Interimsdirektor der Volksoper (managermäßig: Marcel Mohab) das angeblich konservative Publikum mit einer noch konservativeren Inszenierung der Piraten beglücken will und dazu zwei Nachfahrinnen von Gilbert und Sullivan engagiert, die dann auch auf der Bühne mitmischen: Petra Massey gibt die wandelnde Witzbombe und Lucy Hopkins erscheint als Queen Victoria und regina ex machina, bevor das turbulente Finale in gleich zwei verschiedenen Versionen losbricht und beim Schlussapplaus so viel Personal auf der Bühne steht, dass man diese locker zweimal füllen könnte.

Dass die Rechnung des Interimsdirektors trotz eines werktreuen Bühnenbilds mit Bilderbuch-Piratenschiff und Polizisten nicht ganz aufgeht, und ihm zudem die biedere Sekretärin zu den Bühnenpiraten (in der Rolle als Leutnant des Piratenkönigs) überläuft, ist natürlich abzusehen. Diese Volte kauft man der sympathischen Katharina Pizzera auch gern ab, aber dennoch klingt das alles lustiger als es im Endeffekt ist, denn der erste Teil des Abends hat trotz Spielfreude aller Beteiligten und Meeresgetier auf Polizistenköpfen immer wieder Längen. Ein Highlight ist allerdings der Damenchor in viktorianischen Rüschen und Sonnenschirmchen, der den Wetterbericht wie ein zungenbrecherisches Rossini-Parlando zum Besten gibt – und angesichts der Piratenbedrohung ein herzhaftes „F…!“.

Neben der Textbearbeitung war man auch in der Besetzung kreativ: Der Piratenkönig ist im Original ein Bass, singt hier aber höher, nämlich in Gestalt der Mezzosopranistin Katia Ledoux, die auch sichtlich Spaß an dieser Hosenrolle der anderen Art hat. Der bärtig-bärige Timothy Fallon wird von der Maske in das 21-jähriges Babyface Frederic verwandelt und gefällt mit weicher, schmelzender Stimme, die einen Kontrast zur eher rustikalen angelegten Mabel (Nicole Chévalier) bilden. Johanna Arrouas, wie immer eine tragende Säule des Ensembles, gibt Frederics Schweizer Nanny, die den Burschen aufgrund eines Hörfehlers in die Piraten- statt in die Privatschule gebracht hat. Ob im Gouvernanten- oder Piratenoutfit – so geht Operettendiva.
Nicht wiederzuerkennen ist Jakob Semotan als Generalmajor und Vater von zwanzig Töchtern, zumal er mit Pickelhelm, Backenbart und Kilt auftritt, dann mit Nachthemd und später mit... eher wenig an. Sein Talent als Komödiant ist unbestreitbar, doch wurde er diesmal von Stefan Cerny als Polizeisergeant knapp geschlagen. „When a Felon's Not Engaged in His Employment“ bringt er so, dass man es schwer wieder aus dem Kopf bekommt, zudem verzieht er häufig seinen falschen Schnauzer und rüffelt mit Blicken einen aus der Reihe stepptanzenden Polizisten.

Eingängige Melodien, die mit Um-Ta-Ta in Durtonarten fröhlich geradeaus laufen – ja, das konnte Arthur Sullivan am besten. Bei diesen Nummern hat die junge Hausdebütantin Chloe Rooke am Pult nach einem etwas zögerlichen Beginn ihre besten, schwungvollsten Momente. Operette zu dirigieren erfordert enorm viel Konzentration, und daran fehlt es ihr nicht, allerdings klangen die Übergänge manchmal noch zu streng und bemüht – das wird mit der Sicherheit weiterer Vorstellungen wohl noch temperamentvoller werden.

Ein Running Gag, der sich durch den Abend zieht, ist das Unvermögen des Interimsdirektors, „Penzance“ richtig auszusprechen – meistens klingt es so wie „penance“, also wie das englische Wort für Reue. „Die Piraten der Reue“ also? Ein Fall von „guilty pleasure“ wie ein Besuch beim Mäci? Ganz von der Hand zu weisen ist der Vergleich des Stücks mit Burger- oder Würstelbuden nicht: Beides ist simpel und hat treue Fans, andere bleiben aber lieber bei der kulinarischen wie musikalischen Hausmannskost. Für jene, die zu den Piraten von Penzance vom Musical kommen, könnte die an der Volksoper servierte englische Kost allerdings eine Brücke zum Einstieg in die Welt von Offenbach, Lehár und Co. bauen.







