Georg Friedrich Händels Opernpublikum in London war der Bühnenfassungen von Schicksalen homerischer Helden oder griechischer Götter überdrüssig. Ein neuer Stoff musste her; Intrigen, komische Momente und intime Gefühlsdramen fand er auch im Umfeld des englischen Königshauses, wo König Georg I. regierte und wo Korruption und Mätressenwirtschaft reichlich Stoff für Drama und subtile Satire boten. So ahnte Händel lange vor modernem Marketing von Boulevardkomödien bereits: „Sex sells!“ Auch am Staatstheater Meiningen.

Politisch korrekt, wird im Libretto von Nicola Francesco Haym die Handlung von Flavio, re de’ Longobardi nach Italien verlegt. Wenn Machtspielchen und Liebesverwicklungen ihm noch Zeit lassen, regiert dort der impulsive Langobardenkönig Flavio; in seinem Hofstaat zerreiben sich rivalisierende Berater, die auf Statthalterposten lauern oder ihre Kinder geschickt höfisch verheiraten wollen. Trotz Händels origineller Beobachtung der Charaktere und seinem musikalischem Witz brachte die Premiere 1723, in der Entstehungszeit des Giulio Cesare, keinen Erfolg. Erst 1967 wurde Flavio bei den Göttinger Händel-Festspielen wieder ausgegraben. Die 2023 im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth herausgebrachte hochgelobte Inszenierung von Max Emanuel Cencic ist nun in Meiningen zu erleben. Dass das Staatstheater dort ein glücklichen Händchen beweist bei der Wahl barocker Opernstoffe, ist nicht erst seit der letztjährigen Premiere von Domenico Sarros Didone abbandonata manifestiert.

Flavio herrscht über Großbritannien und die Lombardei. Dort lieben sich Guido und Emilia, Kinder der rivalisierenden Berater Ugone und Lotario. Da Ugone auch seine Tochter Teodata am Hofe verheiraten will, führt er sie bei Guidos und Emilias Hochzeitsfeier in die Gesellschaft ein, wo sich Flavio augenblicklich in sie verliebt. Was der König nicht weiß: Vitige, sein ergebener Adjutant, ist im Geheimen Teodatas Geliebter. Der rät ihr, dem König ihre Zuneigung vorzuspielen und hofft, dass sie ihm treu bleibt. Als ein Geplänkel zwischen Ugone und Lotario zu einer schallenden Ohrfeige führt, duellieren sich Guido und Lotario; dieser unterliegt im Kampf und stirbt. Kann Emilia ihrem Guido das verzeihen?
Helmut Stürmers Bühne wird dominiert von einem aus sechs verkoppelten Elementen gebildeten, beweglichen Paravent, der barocke Fenster- und Wandfronten zeigt und sich beim häufigen Szenenwechsel zu immer neuen Raumbildungen rollen sowie drehen lässt. Neben dem imposanten königlichen Himmelbett rücken der Schreibtisch der Majestät sowie einige Sitzgruppen für Hofschranzen und Diener in immer neue Positionen.
An originalgetreuen Kostümen (Corina Grămoșteanu) wurde nicht gespart. Und so sehr auch barocke Bustiers und Rockschöße unbedeckte Haut züchtig verhüllen mögen: die Personenregie von Cencic erlaubt, was gefällt und amüsiert. Da treiben es Paare heißblütig auf dem unbequemen Bühnenboden, Brüstchen blitzen über den Bortenrand gerüschter Blusen, ein hüllenloser Herrscher regiert aus dem locker abgedeckten Wannenbad heraus. Und wenn Majestät gar zwei Gespielinnen empfängt, ziehen seine Lakaien die umlaufend seitlichen Vorhänge des Kingsize-Betts unerbittlich zu. Da kann nicht nur der königliche Betthimmel schon mal kräftig in Schwankung geraten ...

Cencic fokussiert in Flavio ungeschminkt auf die schonungslose Satire, welche bereits Händel und Haym in der Oper anlegten, die treffsicher die politische und gesellschaftliche Stimmung der Entstehungszeit widerspiegelt und von den zeitgenössischen Zuschauern durchaus verstanden wurde. Theater nahm damals direkt am politischen Geschehen der Zeit teil, wie man es auch an Johann Christoph Pepuschs The Beggar’s Opera beobachten kann. In seine Inszenierung hat Cencic einige Figuren durch stumme Schauspieler wieder eingefügt, die in Hayms Libretto nicht vorkommen, aber in früheren Bearbeitungen des Stoffes enthalten sind: Die kinderlose Königin, die am Ende doch schwanger ist, darf sich zeigen, mit ihr ein kleinwüchsiger „Hofzwerg“, wie er damals als Unterhalter und Vertrauter königlicher Familienmitglieder durchaus üblich war. Dazu unter mannigfaltigen barocken Verbeugungen ein vielköpfiger Hofstaat.
Die junge französische Cembalistin und Dirigentin Camille Delaforge leitete pointiert das für den Barockstil verkleinerte Streicherorchester, das zusammen mit Oboe und Fagott die Solisten an Theorbe, Barockgitarre, Violoncello und Cembalo umringte und eine wunderbar durchhörbare instrumentale Klangkulisse aufspannte. Die Situationskomik auszukosten erlaubten kleine Ritardandi, die sich aus dem natürlichen Fluss der anmutigen Musik ergaben.

Der junge israelische Countertenor Lidor Mesika verknüpfte seine bewundernswerte stimmliche Bandbreite mit großer spielerischer Ausdruckstiefe. Neben dem Verlieben schien für ihn das Regieren nur Nebensache zu sein. Max Emanuel Cencic war in der Rolle des Guido auch als Countertenor zu erleben: mitreißende vokale wie mimische Koloraturen, die immer wieder Auflachen in Parkett und Rängen provozierten. Wie angegossen passte Sara-Maria Saalmann ihre Hosenrolle als durchtriebener Vitige.
Keith Klein und Tobias Glagau suchten sich spielerisch gegenseitig als Einflüsterer des Regenten zu übertrumpfen: herrliche Situationskomik und feine Stimmen. Die Ängste um ihre Verlobten konnte man Lubov Karetnikova und Julianna Smith (als Emilia und Teodata) aus ihren überbordenden Koloraturarien gut nachempfinden. Da boten selbst die langen barocken Dacapo-Arien ein kurzweiliges Vergnügen.
„Exhibitionismus menschlicher Schwäche wird zum Theater selbst“, so hatte der Regisseur Händels originelles Bühnenwerk charakterisiert. Mit geschickt eingestreuter Frivolität, psychologischer Nuancierung und ungestüm witziger Musizierlaune ist es ein großartiges Theatererlebnis, eine Opernreise wert!





