In unserem Themenschwerpunkt im Januar betrachten wir die Welt der zeitgenössischen Musik durch die Augen von Künstlern in Top-Ensembles und setzen unsere Interviewserie mit Hermann Kretschmar fort, Pianist im Ensemble Modern.

Hermann Kretschmar © Andreas Etter
Hermann Kretschmar
© Andreas Etter
Warum haben Sie sich dazu entschlossen, sich im Bereich zeitgenössischer Musik anstelle von „Mainstream”-Klassik zu spezialisieren?

1. Es war keine Entschließung, sondern eine Entwicklung.

2. Es war keine Entscheidung für eine von zwei Möglichkeiten.

3. Da für mich die lebenden Komponisten die wichtigsten ästhetischen Entscheidungsträger der jetzigen, zeitgenössischen Musikwelt sind (und immer waren), suchte ich den Kontakt mit ihnen. Daraus entwickelte sich meine (jetzige) Situation.

 

Ist es eine größere Herausforderung, zeitgenössische Musik zu spielen? Dauert es für Sie beispielsweise länger, um die technischen Aspekte zu meistern? Finden Sie sie schwieriger zu interpretieren?

Ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten, aber die Herausforderung ist immer groß.

Glauben Sie, dass Ihre Herangehensweise an zeitgenössische Musik der Art ähnlich ist, in der historische Ensembles Alte Musik angehen?

In Teilaspekten vielleicht. Der größte, wesentliche Unterschied zur Alten Musik ist allerdings die Kommunikation mit lebenden Komponisten.

Wie involviert sind Sie in jedem Projekt? In welchem Ausmaß kann jedes Ensemblemitglied seine Ideen zu dem vorbringen, was gespielt wird und mit wem?

In nicht jedem Projekt sind Tasteninstrumente involviert. Dann nutze ich manchmal die Situation, um von außen, nur als Hörer zu hören.

Wichtig ist die demokratische Ausgangssituation, aufgrund der programmatische und konzeptionelle Entscheidungen getroffen werden. Das ermöglicht dem Individuum durchaus auch die Chance, Musik und Komponisten kennenzulernen, zu denen man bis dato eine Distanz bewahrt hat.

Wie schwierig ist es, zeitgenössische Musik auf ein Konzertprogramm bzw. in den Konzertsaal zu bekommen?

Heutzutage eher nicht mehr so schwierig wie vor 30 Jahren, als das Ensemble Modern als eines der ersten Ensembles damit anfing, die Neue Musik in den Konzertsaal zu tragen.

Verändert sich die Publikumsreaktion auf zeitgenössische Musik? Unterscheidet sie sich von einem Land zum anderen?

Sie unterscheidet sich eher von Werk zu Werk.

Welche verschiedenen Ansätze nutzt Ihr Ensemble, um neue Hörer zu erreichen?

Neben dem Ansatz der International Ensemble Modern Academy (IEMA) und den Education-Projekten des Ensemble Modern gab es mehrere Projekte, z.B. das CONNECT-Projekt.

Was war das aufregendste neue Werk, das Sie aufgeführt haben? Können Sie beschreiben, warum?

Generell finde ich die neuen und älteren Werke von Steve Reich immer aufregend und interessant. Aber ebenso Werke der Komponistengeneration um Enno PoppeHelmut Oehring, oder unbekanntere Komponisten wie Lou Harrison oder Maurice Ohana.

Aus der Vergangenheit ragen die Arbeit mit Karlheinz StockhausenFrank Zappa und John Cage heraus.