Dies war ein Abend abseits des Trubels dieses sich dem Ende zuneigenden Festspielsommers. Wo in letztedem Weltklasse-Stars vor ein Publikum aus Festspiel-Pilgerern treten und das Programm meist Traditionelles mit moderat oder pointiert gewagter Moderne kombiniert, setzte das Programm des 6th Swiss Charity Concert auf Bewährtes.

Victor Emanuel von Monteton und Praga Camerata © Christoph Schumacher
Victor Emanuel von Monteton und Praga Camerata
© Christoph Schumacher

Die Swiss Charity Concerts wurden 2011 von Victor Emanuel Dijon von Monteton ins Leben gerufen: ein jährlich wiederkehrendes Konzert zugunsten gemeinnütziger Organisationen, in diesem Falle Save the Children. Der Zweck der Veranstaltung bestimmte die Zusammensetzung des Publikums: ein erlauchter Kreis von Spendern, die den großen Tonhalle-Saal erfreulich gut belegt haben. Im Unterschied zum Festspiel-Betrieb traten hier nicht Top-Weltstars auf, sondern ein bei uns eher unbekanntes Orchester. Die Praga Camerata, gegründet 1961 von Vaclav Neumann, besteht im Kern aus 15 Streichern, wurde diesen Anlass jedoch stark erweitert. Es spielte unter der Leitung des 1984 in Frankreich geborenen Victor Emanuel Dijon von Monteton.

Das Konzert begann standesgemäß mit einer Ouvertüre: das Eröffnungsstück zu Gioacchino RossiniIl Barbiere di Siviglia. Rossini war ein Meister darin, das Opernpublikum ab dem ersten Takt in den Bann seiner Musik zu ziehen, und auch diese Ouvertüre entfaltet von Anbeginn eine magnetische Sogwirkung durch den geschickten Einsatz von Crescendo und motorischer Steigerung. Die Praga Camerata – vielleicht kein Weltklasse-Orchester, aber ein offensichtlich routiniertes Ensemble – gab eine solide, saubere Interpretation, unter von Montetons freihändiger Führung. Für meinen Geschmack ging er das Stück mit etwas viel Elan an; die Wirkung wäre mit (in Dynamik und Tempo) verhaltenerem Anfang stärker, dramatischer gewesen. Nun ist jedoch die Tonhalle kein Opernhaus, und es folgte keine Oper, sondern ein Konzertabend mit dem Violinkonzert in e-Moll von Felix Mendelssohn.

Darin erlebten wir den Auftritt der 2002 in Stuttgart geborenen Mira Marie Foron, Gewinnerin des Swiss Charity Awards 2016: eine selbstbewusste, unerschrockene junge Künstlerin mit beachtlichen Fähigkeiten. Ihre Interpretation darf natürlich nicht mit derjenigen ausgereifter Weltstars verglichen werden; ich beschränke mich deshalb auf eine Beschreibung des Gehörten, keine Wertung. Von Beginn weg fielen mir Mira Maria Forons voller Ton auf. Sie spielte mit jugendlichem Elan und mit erstaunlicher Fingerfertigkeit und Bogentechnik auf, auch in den spiccato-Passagen des dritten Satzes.

Mira Marie Foron © Christoph Schumacher
Mira Marie Foron
© Christoph Schumacher

Die Intonation war selbst in extremen Höhen sicher, stieß aber bei den raschen Passagen an ihre Grenzen. Es ist ein sehr anspruchsvolles Werk, das es nicht leicht macht, eine persönliche Komponente einzubringen, zu sehr ist Mendelssohns Musik dominiert von Motorik und schnellen Passagen. Man darf gespannt sein, wie sie ihre Interpretation in den nächsten Jahren entwickeln und verfeinern wird. Als Zugabe spielte sie die Solosonate in d-Moll, Op.27 Nr.3 „Ballade“ von Eugène Ysaÿe. Ich hoffe jedenfalls, dass Mira Marie Foron ihre Selbstsicherheit noch möglichst lange beibehalten kann. Es würde mich freuen, ihren Rotschopf wieder mal auf dem Konzertpodium anzutreffen!

Der Abend schloss mit der populären Neunten Symphonie in e-Moll („Aus der Neuen Welt“) von Antonín Dvořák, einer Komposition voll von eingängiger Melodik. Das Orchester ist mit dieser Musik natürlich bestens vertraut; Schwierigkeiten bei Rhythmik und Koordination waren kaum auszumachen. Victor Dijon dirigierte das Werk mit klaren Tempostrukturen, übertriebenes Rubato vermeidend (die Partitur macht genaue Angaben, wann Ritardando zu verwenden ist): auch hier eine grundsolide Interpretation. Im Orchester war sie manchmal eher robust, sodass die Nebenstimmen an lauten Stellen in Gefahr gerieten, zugedeckt zu werden; einzelne der Hornfanfaren im Scherzo gingen fast unter – man hätte sich leichtere Artikulation und dynamische Differenzierung gewünscht.

Es war etwas schade, dass Wiederholungen weggelassen wurden: Im Eröffnungssatz erleichtert das dem Hörer die Orientierung, anderseits nahm dadurch das Largo mit seiner Melodienseligkeit in den Holzbläsern proportional umso mehr Platz ein. Dieser Satz beginnt ppp, was im Blech wohl kaum realisierbar ist. Das geriet aber angesichts des Wohlklangs in den Bläsersoli dieses Satzes zur Nebensache. Die beiden letzten Sätze sind anspruchsvoll, virtuos, von allen Beteiligten ausgezeichnet gemeistert, und ein spezielles Lob gebührt natürlich den bei Dvořák so wichtigen Bläserstimmen.