Virtuosenkonzert oder doch eher vitales Perkussionsgewitter vor orchestralen Klangflächen? Wenn sich heutzutage ein Komponist an die Komposition eines Solistenkonzerts macht, wagt er sich auf dünnes Eis, denn ähnlich wie die Symphonie schleppt die musikalische Form des Solokonzerts doch so einigen historischen Ballast mit. Bei den älteren Virtuosenstücken des 19. Jahrhunderts beobachtet man gerne wie sich die nachfolgenden Generationen an den Tastenfeuerwerken abarbeiten, als Wingman für effektheischende Solisten lässt sich ein Komponist heute allerdings deutlich seltener einspannen. Daher geht der Schweizer Dieter Ammann mit seinem Konzert für Klavier und Orchester eben den Mittelweg, manchmal virtuos, doch niemals reißerisch. Im Gasteig brachten die Münchner Philharmoniker das Auftragswerk das erste Mal in Deutschland auf die Bühne. Mit der BBC, dem Boston Symphony Orchestra, dem Wiener Musikverein und dem Lucerne Festival haben sich gleich mehrere Schwergewichte der Klassikszene für den Auftrag zusammengetan. Den Zuschlag für die Uraufführung sicherte sich die BBC bei den Proms im vergangenen Jahr.

Andreas Haefliger © Marco Borggreve
Andreas Haefliger
© Marco Borggreve

In München stand wieder Pianist Andreas Haefliger, Solist der Uraufführung, auf der Bühne, es dirigierte die finnische Dirigentin Susanna Mälkki, die sich im vergangenen Jahr als die fleißigste und meist gebuchte weibliche Dirigentin erwiesen hat, wie die aktuelle Bachtrack-Statistik zeigt. Und während sich die Grand Toccata, wie das Werk im Untertitel heißt, in einem circa 30-minütigen Satz von Klangkumulation zu Klangkumulation hangelte, klang das mal urwäldlich naturalistisch, mal bleischwer industriell. Haefliger arbeitete sich souverän durch die anspruchsvolle, schweißtreibende Partitur. Oft agierte er präzise perkussiv, seltener lyrisch, beides lag ihm allerdings gut. Die Philharmoniker waren daneben klanglich dicht und ließen sich wunderbar auf die Atmosphäre der Musik ein. Ein Klangerlebnis, das unmittelbar zugänglich wirkte.

Diesen direkten Zugang hätte man sich auch für das romantische Rahmenprogramm aus Lohengrin-Vorspiel und Also Sprach Zarathustra gewünscht. Die zarten Streichersphären des Wagnerischen Opernvorspiels konstruierte Mälkki so kontrolliert bodenständig, dass sich eine gewisse Mystik erst mit den samtig-dunkel agierenden Blächbläsern einstellen wollte. Im Anschluss klang das in großen Linien auf den Höhepunkt mit doppeltem Beckenschlag zulaufende Vorspiel doch eher nach harter Arbeit als himmlisch fließend.

Ähnlich verhielt es sich mit der Tondichtung von Richard Strauss auf Basis des Nitzschetextes nach der Pause. Der Sonnenaufgang durfte bei Mälkki zwar erwartungsgemäß vor Kraft strotzen, schließlich ging es aber doch eher asketisch, stellenweise klotzig weiter. Warum wurde die Fuge in Über die Wissenschaft so ziellos vorgetragen, warum war das orchestrale Fortissimo vor der Generalpause, das Zarathustras Zusammenbruch im anschließenden Vom Genesenen darstellt, statt seines Klangschocks bloß so ein laues Lüftchen? Dass die Philharmoniker deutlich mehr draufgehabt hätten, zeigte sich doch eigentlich im süffigen Tanzlied und den wüsten Glockenschlägen zu Beginn des Nachtwandlerlieds. Da blieb am Ende die Erkenntnis, dass die Philharmoniker, die doch sonst eher scheu sind, wenn es um zeitgenössische Musik geht, gerade in diesem Bereich überzeugten.

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