Die russische Konzertpianistin Anna Gourari ist längst kein Geheimtipp mehr. Eines ihrer raren Solo-Recitals erleben zu dürfen, ist freilich ein besonderes Glück und gehört zu den Leckerbissen des pianistischen Konzertkalenders. Für Gourari war die Anreise zum Herkulessaal denkbar kurz, lebt sie doch mit ihrer Familie in München. Wahrscheinlich nahm sie auch deshalb gerne die Einladung zum gelungenen Format „Klassik vor Acht” an, bei dem zumeist junge Nachwuchs-Pianistinnen und Pianisten etwa 60-minütige Konzerte geben, die um 18:30 Uhr beginnen und vor acht Uhr enden. Was Anna Gourari in der einstündigen Soirée am 1. Dezember aus den Tasten zauberte, war eigenwillig, feinsinnig, temperamentvoll, lyrisch, wuchtig, zart und energetisch zugleich. Kurzum, es war eine Sternstunde der Klavierkunst.

Anna Gourari © Nadia F. Romanini
Anna Gourari
© Nadia F. Romanini

Das Konzert begann mit Frederic Chopins Sonate Nr. 3 in h-Moll op. 58. Chopin komponierte seine dritte Klaviersonate fünf Jahre vor seinem Tod im Jahre 1844 auf George Sands Schloss Nohant. Diesem oft interpretierten, viersätzigen Meisterwerk noch neue Klänge zu entlocken, ist wahrlich nicht leicht. Gourari tauchte von Beginn an vollkommen in die Musik ein und erzählte bereits im ersten Satz interessante Geschichten in den Mittelstimmen, die man so noch nicht gehört hatte. Rubato und zeitlich versetzte Akkorde gehören durchaus zum guten Stil bei Chopin und Gourari nutze diese interpretatorischen Möglichkeiten zur Gänze. Ihr Spiel ad libitum vermittelte passagenweise den Eindruck, als ob sie selbst gerade erst den Notentext erfände oder über Chopins Themen improvisiere. In gewisser Weise ist dies auch eine legitime Deutung des Notentexts des Romantikers Chopin, zu dessen Lebzeiten es üblich war, in Konzerten Kadenzen völlig frei zu erfinden und auch während des Stücks Verzierungen und Überleitungen ad hoc zu komponieren. Das Largo des dritten Satzes gelang besonders eindrucksvoll und gemahnte an die Aussage der Jury des Clara-Schumann-Wettbewerbs, den Gourari 1994 gewonnen hatte. Sie bezeichnete das Spiel des einstigen Wunderkinds als „fast mystisch“.

Dieses Adjektiv kommt einem unmittelbar in den Sinn, wenn man Anna Gourari zusieht, wie sie nahezu in die Tasten kriecht und dann wieder ihren Oberkörper zurückwirft, als sei sie in Trance. Anna Gourari spielt das Klavier, als würde sie einen Löwen bändigen. Sie entlockt ihm feine, leise Töne, denen sie lange nachhört, um dann wiederum emotionale Klangeruptionen zu erzeugen, von denen sie fast selbst überrascht scheint. Bei derartigen Ausbrüchen steht sie fast gänzlich von ihrem Klavierhocker auf, als wolle sie das sich aufbäumende Klaviertier wieder in seinen hölzernen Käfig zurückdrängen. Dabei ist sie stets perfekt kontrolliert wie eine Flamenco-Tänzerin, deren inneres Feuer lodert, ohne dass es überhandnimmt. Gourari bewegt sich beim Spielen gar wie eine Tänzerin, wenn sie ihre Arme und ihren Hals geschmeidig im Rhythmus der Musik wiegt oder ihr langes schwarzes Haar schüttelt. Dabei wirkt sie nie aufgesetzt, sondern wird schlicht von ihrer unbändigen Musikalität übermannt.

Fast verklärt eröffnete sie ihre Auswahl der Visions Fugitives von Sergej Prokofjew mit dem ersten Stück Lentamente. Prokofjew schenkte der Musikwelt mit seinen „flüchtigen Erscheinungen“ op. 22 eine wunderbare Sammlung kurzer Klavierstücke mit ganz unterschiedlichen Charakteren, die an kompositorischem Gehalt den Schumann'schen Kinderszenen in nichts nachstehen. Da Gourari nicht angekündigt hatte, welche Stücke sie spielen würde, war das Publikum nicht auf das Ende ihres Zyklus‘ gefasst und lauschte noch verzückt, während sie bereits das Choralvorspiel Ich ruf’ zu Dir, Herr Jesu Christ von Johann Sebastian Bach in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni anstimmte. Wie sie den Cantus Firmus kräftig und doch weich und sanglich aus dem Konzertflügel ziselierte – wahrlich perfekte Anschlagskunst!

Und auch nach diesem Stück verharrte das Publikum so lange in gespannter Stille, dass Gourari ohne Zwischenapplaus das letzte Stück des Programms anstimmte, die Chaconne von Sofia Gubaidulina. Die in der Tatarischen ASSR geborene Komponistin hatte ihre Chaconne 1961 noch während ihrer Studienzeit komponiert. Der Beginn erinnert mit all seinen Reminiszenzen an Partiten und Fugen von Bach, an Studien alter Meister, wie sie beispielsweise Pablo Picasso von Diego Velazquez‘ Las Meninas angefertigt hatte. Und wie bei Picasso bleibt es auch bei Gubaidulina nicht bei einer Kopie der Bach'schen Strukturen und Vorbilder, sondern sie entwickelt ihren eigenen kompositorischen Stil, der gegen Ende des Stücks immer freier und dynamischer wird. Ein Stück wie geschaffen für Gourari, die nochmals ihr ganzes wohl beherrschtes Temperament ausspielen konnte. Das Publikum feierte die Ausnahmekünstlerin mit tiefem Respekt und erklatschte sich 3 schnelle Zugaben, bevor dieses wundervolle Recital sein Ende fand.

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