Nachdem die Nederlandse Bachvereniging 2025 mit eingeladenem Leiter Richard Egarr und drei Bachkantaten begonnen hatte, aus denen Johann Sebastian Bach Teile für sein Meisterwerk der h-Moll-Messe recycelte, beschlossen Cembalo-Dirigent und Ensemble das Jahr auch gemeinsam, nun mit der Aufführung der ganzen Missa. Zur traditionellen Weihnachtstour, die Station in Amare Den Haag machte, wo Egarr, früherer Direktor der Academy of Ancient Music in Cambridge, sonst als Gastdozent des Königlichen Konservatoriums, Pleyel-Klavierduopart mit Gattin Alexandra Nepomnyashchaya und erster ständiger Gastdirigent des Residentie Orkest wirkt. Nach Worten seines ehemaligen musikalischen Partners und jetzt zugleich Dirigentenkollegen Andrew Manze zeichnet ihn eine besondere Inspirationsgabe aus, Stücken stets neue interessante Seiten zu entlocken. Auch diesmal?

Teilweise, begann die h-Moll-Messe vielversprechend mit einem Kyrie, das die Erbarmensbitte durch seine Zärtlichkeit sowie den generell warmen und schlanken, unforciert-entspannten, aus sich selbst sprechenden, dabei diszipliniert-präzisen Ansatz der NBV so menschlich authentisch erscheinen ließ wie selten. Durch den so erzeugten schwebenden Fluss, getragen von Ehrfurcht, Demut und heilendem Vertrauen in sich und dem Vorgelegten, taugte die Musik als tatsächliches, universales Medium zwischen schwerelosem Himmel und Erde, dem Egarr bis zum Ende der leichtfüßigen Gloria-Sequenz in gewisser Stringenz nachging, die mit dem ersten Mess-„Amen“ im Cum Sancto Spiritu auch im ersten richtigen Forte mündete.
Jener in seinem Ausdruck beschriebene Fluss kam neben der Artikulation – voran unterstützt durch hervorragende Oboi d’amore und Traversflöten der NBV – durch die Wahl Egarrs Tempi zustande, die sich als besonnen definierten. Dabei verfolgte er die Ansicht, nicht allein das Alla-breve-Gratias (und Dona nobis pacem sowie Sanctus) entsprechend etwas zügiger zu nehmen, sondern auch andere langsamere Sätze. Solche dann, die dadurch allerdings ein wenig an Affekt und Effekt einbüßten.

Da er die schnellen Teile – mit plötzlicher Ausnahme des Et resurrexit der Symbolum Nicenum- und, noch deutlicher, des Osanna der Sanctus-Sequenz – dafür eben nicht zu flott (aber bei weitem nicht so schleppend wie René Jacobs) empfand, barg der flüssig-gemäßigte Gedanke auch schon aus seinem Naturell heraus das Risiko der Eintönigkeit. Eine, die dem Missverständnis unterlag, die Taktart strikter auf das Tempo denn allein, wie durch Bach-Schüler Johann Philipp Kirnberger gemeint, auf nicht schwerfälligen Vortrag anzuwenden.
Die Einhaltung des am Vortrag orientierten, erwähnten und positiv-prägenden Schwerelosen litt bei der NBV gerade dann etwas, als das Tempo bei den angesprochenen Abweichungen anzog, der ansonsten Stil- und Sicherheit gebende, verständliche Chor nicht exakt so alert war wie das Orchester beziehungsweise das Vokale im artikulatorischen Beibehalten auseinanderdriftete zum Instrumentalen mit dann gepressteren Trompeten und intensiveren Streichern. Wenn nicht durch Tempi, die trotz des Mottos prima le parole aber auch Ausweis der durch Musik vermittelten Kraft sind, könnten dynamische Kontraste oder – intrinsischer – Harmoniebetonungen dieser Tücke begegnen. Mittel, von denen Egarr bei einigen Vorzügen des passend sachten, delikat-wolkigen Piano-Rahmens leider zu wenig Gebrauch machte. Oder die bei selten vorgebrachter Anzeige weniger vokal-entschiedene Umsetzungsbeachtung fanden.

Ein geteiltes Hörbild ergab sich schließlich bei den den Chor aufstockenden Solisten, die zudem das Credo in unum Deum und das Confiteor intonierten, bei letzterem Satz mit sehr auffälligen Homogenitätsausreißern Mary Bevans. Die resultierten aus stilistisch inadäquatem starken Vibrato, das präsenter war, als sie – wenngleich in grundlegend schwächeren Volumina – die höchsten Regionen des tieferen Sopran II erreichen musste. Eines, das sie sich mit Alt Helen Charleston teilte, deren Agnus Dei damit und mit noch zusätzlichen Portamenti außerhalb der Bandbreite meiner Geschmacksmuster und des grundsätzlich ranker artikulierten denn sämigen Fluss-Ansatzes rangierte. Sopran I Johanna Ihrig befleißigte sich dagegen ihrer äußersten Stilgewandtheit und von vorzüglicher Phrasierung strotzenden Lebendigkeit, klar in Ton, Wort und Farbe. Ein wirklicher Lichtblick, zu dem auch Bassbariton Matthew Brook avancierte, der das Leichtgängige mit seiner Erfahrung – solche bewies ebenfalls ausgewogen souveräner, sich nur im Benedictus strecken müssender Tenor Guy Cutting – geschmeidig einlöste.




















