Behzod Abduraimov tourt zur Zeit mit den renommiertesten Orchestern der Welt, beispielsweise dem Boston Symphony Orchestra, dem Gewandhausorchester oder den Münchner Philharmonikern. Für ein Solorecital hat er am vergangenen Wochenende im Prinzregententheater in München Halt gemacht und ein virtuoses Programm mit Werken aus dem 19. Jahrhundert dargeboten.

Behzod Abduraimov © Christian Fatu
Behzod Abduraimov
© Christian Fatu
Chopins Balladen gehören zu den virtuosesten Stücken der Klavierliteratur dieser Epoche und waren zu ihrer Entstehungszeit eine Art neue pianistische Darstellungsform, war der Begriff „Ballade“ von Chopin doch zum ersten Mal bedeutsam auch für Instrumentalmusik verwendet worden. Die vier Kompositionen bieten in ausgedehnter Form neben ihren rasanten Läufen auch lyrische Passagen mit verträumten Melodien. Abduraimov begann die Ballade Nr. 1 in leichtem Piano und zeigte hier bereits seinen beeindruckend weichen Anschlag, den er auch in höchster Höhe und in der Tiefe beibehielt. Selbst in hohem Tempo klangen seine Höhen immer noch sanft und niemals spitz. Natürlich ist dies die unbedingte Voraussetzung für die ausgedehnten lyrischen Passagen in den Balladen und Abduraimov gelangen diese mit aller notwendigen Emotionalität.

Trotz seiner erst 24 Jahre war es erstaunlich, wie konzentriert er die großen Bögen schlug und die vielen Unwägbarkeiten der Werke mit Leichtigkeit umschiffte. So entwickelte er konsequent die Dynamik in den aufbrausenden Passagen fort bis hin zu einem kantigen Fortissimo. Für ihn schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, die Themen wie in der zweiten Ballade in F-Dur nach einem verträumten Piano mit majestätischer Kraft wiederkehren zu lassen. Etwaige Oktavparallelen in höchstem Tempo schienen für ihn dabei kaum mehr eine Schwierigkeit als eine attraktive Herausforderung zu sein. Gleichfalls ließen auch die virtuosen Passagen die große Variabilität von Abduraimovs Spiel erkennen, und er gestaltete die Läufe in der rechten Hand mal perlend fein, mal kraftvoll und energetisch.

Mit festem Ton in der rechten Hand eröffnete Abduraimov die erste Promenade von Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, um dann bei der Wiederholung des Themas einen weicheren, dynamisch abgestuften Klang zu wählen. Den gesamten Zyklus hindurch behielt er diese dynamischen Feinheiten bei und gab den so oft gehörten Stücken klare Strukturen. Das alte Schloss versah er mit einem mystischen, dunklen Klang, durch sehr weichen Anschlag in der linken Hand erzeugt, während er beim Gnom einen entschlossenen, fast aggressiven Ton anschlug. Diese Entschlossenheit kehrte beim Ballett der Küklein in ihren Eierschalen wieder, hier allerdings nicht mehr aggressiv sondern mit viel Witz.

Den Beginn zum Großen Tor von Kiew kostete Abduraimov dann voll aus. Die einleitenden Akkordschläge ließ er lange liegen, bevor er fortfuhr; jeden neuen Akkord steigerte er zu einem neuen kräftigeren Anschlag, bevor er etwas zurückgenommen die Themenvariation begann. Mit voluminösem Klang, den er mit viel Pedal unterstützte, leitete er schließlich die oktavierten Skalen ein, deren Intensität er bis zum Schluss kontinuierlich steigern konnte, sodass das letzte Bild förmlich über den Zuhörer hereinbrach.

Behzod Abduraimov lieferte mit seiner Interpretation der Bilder einer Ausstellung eine sehr auf das Detail bedachte Version des Zyklus, wobei besonders seine große Spannbreite an klanglicher Variation erstaunlich ist, und Chopins vier Balladen und Mussorgskys Bilder boten dem Usbeken zahlreiche Möglichkeiten, seinem Flügel größtmöglichen Farbenreichtum zu entlocken. Abduraimov ist ein großes Talent, das an diesem Abend in beeindruckender Weise bewiesen hat, dass er trotz seines Alters bereits große musikalische Intelligenz besitzt und über große Variabilität in seinem Spiel verfügt. Und das Beste ist: er kommt bereits im Sommer wieder nach München.

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