Den 25. Jahrestag des Mauerfalls beging Deutschland mit einer Jubiläumswoche, deren Auftakt am 5. November die Wende-Komödie Bornholmer Straße machte und stolze 6,99 Mio. Zuschauer vor die Fernseher holte. Besonders in der Hauptstadt Berlin, wo bis heute deutliche Spuren der Mauer aus der Zeit des Kalten Krieges zu finden sind, wurde diesem Ereignis in zahlreichen Veranstaltungen gedacht, denen sich die Berliner Philharmoniker mit diesem Konzert anschlossen.

Die Berliner Philharmoniker und Solisten unter Sir Simon Rattle © Monika Rittershaus
Die Berliner Philharmoniker und Solisten unter Sir Simon Rattle
© Monika Rittershaus

 Wer hätte allerdings vor 25 Jahren geglaubt, dass die Mauer jemals fallen würde. Damals dachte man wohl zunächst, der Mauerfall wäre ein Scherz; heute erinnert man sich an die DDR beinahe mit Nostalgie. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Trennung für das deutsche Volk eine schmerzhafte Zeit war, der hier mit Szymanowskis Stabat Mater Ausdruck verliehen wurde. Sie schildert die Trauer der Heiligen Mutter über den Verlust ihres Sohnes in sechs Sätzen, und die Musiker heilten damit an diesem Abend alte Wunden mit Katharsis-Effekt. Obwohl der Text auf biblischem Geschehen basiert, ist er nicht etwa wie erwartet im Latein der geistlichen Musik, sondern auf Polnisch verfasst. Dadurch verliert die Musik etwas an religiösem Charakter, und die schiere Trauer wird deutlicher hervorgehoben, wobei deren musikalische Umsetzung nicht nur leise wehmütig, sondern auch leidenschaftlich klagend ertönte. Die Solo-Stimmen von Sally Matthews (Sopran), Bernarda Fink (Alt) und Hanno Müller-Brachmann (Bariton) entfalteten sich drastisch dazu, machten die Musik noch eindringlicher. Obwohl der Komponist sich für eine kleinere Instrumentalbesetzung mit Chor und drei Solisten entschieden hatte, wurde sein Werk von den Berliner Philharmonikern als Großorchestergruppe interpretiert. Dadurch ergaben sich tiefere und dichtere Orchesterklänge, die der Musik eine zusätzliche Dramatik verliehen.

Das auffällige Thema aus Terzen und Sekunden wird durch zahlreiche Wiederholungen sehr präsent, und Simon Rattle und die Philharmoniker kosteten jede einzelne mit galanter Artikulation voll aus. Der vierte Satz hingegen erklang ohne Orchesterbegleitung a cappella, wobei man sich eher an konventionelle Kirchenmusik erinnert fühlte als beim Rest des Werkes. Dabei präsentierte sich der Rundfunkchor Berlin fein und sinnlich bei der Begleitung der Solistinnen. Der Schluss ohne „Amen“-Vertonung, ein Schlussakkord ohne die gängige plagale Kadenz, verbreitete eine friedliche Stimmung im Konzertsaal, ganz so, als ließe der Schmerz des Vergangenen endlich nach und als käme der Trauernde etwas zur Ruhe.

Beethovens Neunte Symphonie ist seit 1972 die Hymne der Europäischen Union und als kompositorisches Meisterwerk auf der ganzen Welt bekannt und beliebt. Die Erwartungen an die Musiker sind darum bei jeder Aufführung enorm hoch, und ihnen gerecht zu werden stellt jeden Interpreten vor eine Herausforderung. Im Spiel mit diesen Erwartungen gab Sir Simon Rattle dem zweiten Satz an diesem Abend eine außergewöhnliche Gestalt, indem er für die Hälfte der Streicher eine 17-taktige Pause neu einfügte. Dadurch ergab sich ein dynamisch ausbalancierter Bogen, ohne dass die gerade in Schwung kommenden Streicher die fröhliche Melodie der Holzbläsern überlagerten. Am Anfang des Finales spielten die Celli und Kontrabässe wohltönend rezitativisch als Gegenstück zu den Motiven der vergangenen Sätze, und die Vorstellung des Freuden-Themas interpretierten sie so zart und doch inbrünstig und warm, dass man meinte, einen Menschen summen zu hören.

Das folgende, besetzungstechnische Crescendo bis ins leidenschaftliche Fortissimo hatte wohl auch den Bariton-Solisten nicht kalt gelassen, und seine Erregung übertrug sich auf das Gesangsensemble und resultierte in Vorträgen, die von einer leichten Verspannung geprägt waren. Der von Simon Halsey einstudierte Rundfunkchor Berlin jedoch ließ sich davon nicht beirren, sang stabil schön und mit präziser Dynamik, und Tenor Christian Elsner schließlich übertrug seine Begeisterung im Freuden-Thema auch an seine Mitsänger und das Orchester im enthusiastischen Höhepunkt des Abends.

Wenngleich der ein oder andere Hörer die gelegentlich mangelnde Werktreue in dieser Aufführung vielleicht mit etwas ernsterer Miene betrachtete, so war es doch eine sehr eindrucksvolle Würdigung des fröhlichen historischen Moments der Grenzöffnung zwischen Ost- und Westdeutschland mit großartiger Musik, die vom Publikum begeistert gefeiert wurde.

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