Mit einem Zweiklang verkündeten die Hörner sanft den Konzertbeginn, gefolgt von einem gemütlich klingenden Arpeggio der Harfe – wunderschön lyrisch beginnt die symphonische Dichtung Orpheus von Franz Liszt. Klar und sauber erklang besonders das Zusammenspiel der Streicher und sorgte an diesem Abend für einige der schönsten musikalischen Momente. Am Pult überzeugte Christian Thielemann als Gastdirigent der Berliner Philharmoniker mit seiner bestechenden musikalischen Führungskraft, mit der er einen intensiven, ausgewogenen Klang formte. Jede einzelne Wiederholungen des einfachen aber feinen Themas gestaltete das Orchester mit verschiedensten Klangfarben von zart-melancholisch bis leidenschaftlich zupackend sehr abwechslungsreich und brachte die Musik bisweilen tänzelnd zum Schweben.

Christian Thielemann © Matthias Creutziger
Christian Thielemann
© Matthias Creutziger

Im Gegensatz zur friedlichen und geruhsamen Stimmung von Liszts Musik verbreitete Hans Werner Henzes Sebastian im Traum eine mysteriöse, dunkle Stimmung. Das Stück, das auf einer gleichnamigen Dichtung Georg Trakls beruht, besteht zwar aus drei Sätzen, wurde aber ohne Pause durchgespielt. Dauernde Taktwechsel, durch die Thielemann das Orchester souverän navigierte, wühlten die Musik auf und machten sie lebendig und berührend, wobei es für den Zuhörer keinen Moment der Ruhe gab. Stärkste Spannung schufen die Philharmoniker am Ende des Stücks, an dem die Musik während eines rasanten Crescendos urplötzlich und drastisch im Fortissimo abbricht und den Hörer mit einem seltsamen Gefühl von Unfertigkeit zurücklässt. In diesem rhythmisch enorm anspruchsvollen Stück glänzten Dirigent und Orchester mit ihrer intensiven dramatischen Gestaltung.

Mit einer „wirklich ganz neuen Manier“, nach der auch Ludwig van Beethoven musikalisch und kompositorisch suchte, präsentierte sich Thielemann in seinem Dirigat bei Beethovens Dritter Symphonie. Entsprechend der Stimmung gestaltete er das Tempo in jeder Phrase neu und gab dem Satz ein bemerkenswert dynamisches Gewand. Das begeisterte Publikum konnte es sich nicht verkneifen, direkt nach dem ersten Satz frenetisch zu applaudieren, und Thielemann hatte sichtlich Mühe, das Publikum mit Gesten wieder zu beruhigen, um die Musik fortsetzen zu können. Im Gegensatz dazu schloss sich der zweite Satz mit einem extrem langsamen, beinahe schleppenden Tempo an, das die zum Trauermarsch passende, gedrückte Atmosphäre entstehen ließ. Trotz der atemtechnischen Herausforderung bei so langsamem Tempo phrasierten die Holzbläser das Thema jedoch akkurat und feinsinnig, und mit ebenso klaren Linien gestalteten das Orchester den leichteren und beschwingteren dritten Satz.

Das Finale, dessen Thema Beethoven aus seinem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus übernommen hatte, ließ den Musikern mit seinen Variationen viel Spielraum, in denen sie ihr volles Spektrum an Klangfarben zur Schau stellen konnten und die Musik unter immer neuen, kontrastierenden Gesichtspunkten von Sanftmut und Brutalität bis hin zu Freude und Trauer präsentierten.

In diesem Konzert zum Jahresbeginn boten die Berliner Philharmoniker Instrumentalmusik aus drei Epochen mit unterschiedlichsten außermusikalischen Einflüssen wie Mythos, Dichtung und Person. Die Berliner Philharmoniker gaben eine begeisterte wie begeisternde Aufführung, und ganz ohne Worte überzeugte Christian Thielemann mit seiner narrativen musikalischen Ausdruckskraft.