Carolin Widmann © Marco Borggreve
Carolin Widmann
© Marco Borggreve
Duo-Recitals mit einem Streichinstrument und Klavier sind akustisch immer etwas heikel. Die Tendenz, romantische Kompositionen auf dem modernen Konzertflügel zu spielen, gefährdet a priori die Balance, zumal wenn der Deckel des Instruments ganz geöffnet ist. Pianisten zögern deshalb oft, mit halb- oder ganz geschlossenem Deckel zu spielen, da es den Klang des Instruments (vor allem die Klarheit) beeinträchtigt. Der permanente Gebrauch des Verschiebungspedals zur Dämpfung ist nicht erwünscht, da auch dies den Klang verändert und zudem verunmöglicht, die entsprechenden Anweisungen des Komponisten zu befolgen. In diesem Konzert kam noch erschwerend die hallige Akustik des großen Kirchenraumes hinzu und mit Carolin Widmann stand eine Solistin auf dem Podium (vor dem großen Orgelprospekt an der Rückwand des Kirchenraumes), die nicht mit beständigem Fortissimo und Druck auf den Saiten auftrumpft: ihre Stärke liegt im nuancenreichen Spiel, der differenzierten Dynamik und Artikulation. Letzteres bewies sie schon mit den ersten Noten von Brahms' Violinsonate Nr. 1 „Regensonate": ein feiner, weicher, aber nicht glatter Ton, fast als ob ihre Guadagnini mit barocken Darmsaiten bespannt gewesen wäre. Das Vibrato blieb vor allem bei Brahms sehr unauffällig, oft unterließ es die Geigerin auch ganz. Es war, wie wenn die ungestört, unmoduliert schwingenden Töne den Blick auf die die Emotionen erst eröffnet, den warmen, tiefen Gefühlsstrom in dieser Musik ermöglicht, die Melodien zum Erblühen gebracht hätten. Das wertvolle Instrument sprach dabei problemlos an, selbst im feinsten Pianissimo, oder in den delikaten Spiccati des Schlusssatzes.

Alexander Lonquich war ihr dabei ein einfühlsamer, aufmerksamer Partner, der bis in die agogischen Feinheiten beständig im engen Kontakt mit der Violinistin blieb, technische Schwierigkeiten in Brahms' weitgriffigem Klaviersatz problemlos meisternd. Nur eben: ein Steinway D ist auf Volumen getrimmt, darauf, große Konzertsäle zu beschallen. Hier aber hätte es eines Instruments bedurft, das im Ton weniger dunkel und voll, vielmehr leichter und transparent gewesen wäre, eben wie Flügel zu Brahms' Zeiten geklungen haben. Schon von der Lautstärke des Klaviers her war die Hörbarkeit der Violine bedroht. Darüber hinaus verlängerte und verstärkte die Akustik die dunklen, tiefen Klänge, machte den Effekt von Pausen zunichte. Im langsamen Satz fiel es so zudem ungleich schwerer, die Spannung zu halten. Außerdem mischten sich die Klänge der beiden Instrumente kaum. Es ist unverständlich, warum der Flügel nicht teilweise geschlossen oder ein kleineres Modell gewählt wurde. Das hätte vielleicht zudem die etwas hart intonierten Bässe gemildert – selbst wenn die Violine hörbar blieb, war doch die Balance verschoben.

Das Ungleichgewicht hatte auch bei Janáček Bestand: bein seiner Violinsonate trägt über weite Strecken die Violine die Melodielinie, die virtuose Begleitung baut dazu mit Tremoli, rollenden Figuren, sowie blitzartig einschlagenden Einwürfen eine oftmals bedrohliche Kulisse auf. Wiederum dominierte das Klavier, der Violine kam allenfalls eine illustrative Begleitrolle zu. Im zweiten Satz verlangt der Komponist oftmals dreifaches Pianissimo – von Carolin Widmann getreulich befolgt, derweil das Tasteninstrument kaum ein echtes ppp ermöglichte. Im Allegretto gingen die abstürzenden Kaskaden der Violine weitgehend unter, einzig im Mittelteil kam die Violine zu ihrem Recht. Erst im Schlusssatz stimmten die Gewichte: wo die Violine zwischen den Segmenten mit kurzen, dramatischen Einwürfen die wunderbare Kantilene vom Piano übernahm, ließ ihr Alexander Lonquich selbst in den con sordino Passagen genügend Raum – der klare Höhepunkt vor der Pause!

Mit Richard Strauss' Violinsonate folgte auf Gefühl (Brahms) und Stimmung (Janáček) schließlich Dramatik und ein sehr virtuoser Klavierpart, von Alexander Lonquich souverän und packend gemeistert. Carolin Widmann erlaubte sich hier mehr Vibrato und romantische Expressivität, konnte jedoch Power, Schwung und Verve ihres Parts in diesen Verhältnissen kaum ausspielen. Auch im Mittelsatz stimmten die Gewichte nicht, speziell da, wo das Klavier begleitet. Die an sich wunderschöne Musik verlor gegen Ende etwas an Schwung, was ich teilweise auf die akustischen Verhältnisse zurückführe. Hier war wieder der extrem virtuose, fulminante und glanzvolle Schlusssatz der am besten gelungene. Sowohl Musik als auch Interpretation waren hinreißend, selbst wenn die pp-Spiccati manchmal kaum durchdrangen.

Jedes der aufgeführten Werke stellt für seine Zeit einen Höhepunkt im Kammermusikschaffen dar, den anzuhören bei aller Kritik ein Genuss war! In der Zugabe, dem Intermezzo aus der Violinsonate von Francis Poulenc, stimmte dann plötzlich auch die Balance. Beide Künstler musizierten sehr einfühlsam und stimmungsvoll. Dank der umsichtigen Disposition des Komponisten konnte die Violine endlich auch die Führungsrolle einnehmen, und die Akustik schien die postromantische Stimmung gar zu unterstützen – ein in mehrfacher Hinsicht versöhnlicher Abschluss!