Mit seinen 25 Jahren gehört Daniil Trifonov, zumindest was das Klavier-Festival Ruhr anbelangt, bereits zu den alten Hasen des Business. Denn schon zum vierten Mal präsentierte Trifonov dem Festivalpublikum sein pianistisches Können.

Daniil Trifonov © Dario Acosta
Daniil Trifonov
© Dario Acosta
Der Abend begann hochkonzentriert mit Brahms Chaconne, die eine Bearbeitung aus J.S. Bachs Partita Nr.2 in d-Moll ist. Das besondere an dieser Komposition von Brahms ist, dass sie allein für die linke Hand komponiert ist, um sich durch „die ähnliche Schwierigkeit, die Art der Technik, das Arpeggieren, […] wie einen Geiger zu fühlen!“, wie Brahms selbst an Clara Schumann schrieb. Trifonov fasste diesen Aspekt auf und es wirkte als würde er mit dem vielen offenen Pedal, welches die Töne leicht verwischte, das Vibrato einer Geige imitieren. Besonders zu Beginn und jedes Mal, wenn dieses erste Hauptthema wiederkehrte, gewann man den Eindruck Trifonov wolle aus dem Flügel mehr Klang herausholen, als irgendwie möglich ist. Sein ganzer Körper bohrte sich fast in die Tastatur hinein, während er mit ganzer Härte über die Oktaven arpeggierte. Daneben zeigte er jedoch noch ganz andere Klangfarben, die man nach diesem rauen Einstieg nie vermutet hätte. Jede Phrase wurde völlig anders gestaltet, so erklangen neben ganz zärtlich und hellen Passagen, geheimnisvolle, zurückgenommen und in sich gekehrte, so wie besonnene Klänge.

Vom Verleger als „Fantasie oder Sonate“ benannt, wurde Schuberts Sonate in G-Dur, dessen Struktur tatsächlich nicht der gängigen Sonatenform gleicht. So fehlt es bereits dem ersten Satz an thematischen Gegensätzen, weshalb sich wohl Verleger Tobias Haslinger zum Titel der Fantasie hinreißen ließ. Trifonov leitete diese Sonate sehr nüchtern und statisch ein, zugleich jedoch auch sehr klar; jede einzelne Taste, die in den Akkorden hinunter gedrückt wurde, war deutlich zu vernehmen, da jeder Finger eine nuanciert verschiedenartige Klangfarbe erhielt. Nach den trockenen Akkorden, kamen feine Läufe in der rechten Hand, die sich elegant und wiederum nüchtern über die Tastatur bewegte. Erst im dritten Satz ließ Trifonov dem musikalischen Treiben mehr Raum. Und so ließ er das Menuett in einem intensiv spürbaren Dreier-Takt kreisend tänzeln. Im vierten Satz dann schließlich lebte die Musik zur Gänze auf. Spielerisch und  beweglich entfalteten sich die Melodien und fanden letztendlich doch wieder in ihre anfänglichen Schranken zurück.

Als letzter Programmpunkt vor der Pause spielte Daniil Trifonov Brahms Variationen über ein Thema von Niccolò Paganini, die selbst die brillante Pianistin und gute Freundin von Brahms, Clara Schumann als Hexenvariationen bezeichnete. Trifonov schien der enorme Schwierigkeitsgrad dieses Stückes nicht zu beeindrucken. In flottem Tempo schmetterte er die Akkorde unter massivem Krafteinsatz in die Klaviatur, wobei jeder der Akkorde noch immer höchst präzise war. Wiederholende Motive färbte Trifonov stets andersartig ein, so dass die selbe Melodie in einem Moment herrisch und im nächsten aber heiter erklingen konnte. Die Variationen waren im ständigen Wechsel und lebten von den wechselnden Extremen im Spiel.

Zum Ende dieses Mammutprogramms kredenzte Trifonov noch Rachmaninovs Erste Sonate, von der er selbst behauptete, dass „das Werk … nie jemand wegen der Schwierigkeit und Länge spielen“ wird. Damit lag Rachmaninov bekanntlicherweise falsch. Während die beiden Rahmensätze wiederum durch forsches Spiel und hohe Intensität im Anschlag dominierten, gesellte sich eine enorm ausbreitende Dichte im Eingangsthema der linken Hand des ersten Satzes hinzu. Etwas Neues brachte hier der zweite Satz. Trifonov ließ die Melodie im Lento weite Kreise ziehen, nachdem er wie bereits bei Schubert unscheinbar begann und die Musik sich konsequent entwickeln und ausbreiten ließ. Sichtlich genießend, schritt Trifonov von Ton zu Ton und riss den Zuhörer irgendwann aus den Träumen, als er mit gleichmäßig steigender Intensität im Spiel und in Lautstärke das Ende des zweiten Satzes einläutete, nachdem er schließlich den Satz ganz sachte und in voller Ruhe beendete. Und trotz Rachmaninovs Sorge über den Schwierigkeitsgrad brillierte Trifonov im Schlusssatz in einem äußerst raschem Tempo.

Man darf definitiv mit großer Spannung und hohen Erwartungen auf die nächsten Konzerte von Daniil Trifonov warten, von dem Martha Argerich sagte, sie habe so etwas noch nie gehört. Unfassbar kraftvolles und dennoch gleichzeitig sehr transparentes Spiel zeichnen Trifonov aus und versetzen das Publikum zu Recht in Staunen.

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