Der fünfte Tag der Internationalen Ferienkurse versprach mit zwei fünfstündigen Konzerten ein musikalisches Mammutprogramm. Wer beide sehen wollte, musste sich auch nicht verfrüht aus der Vorstellung der Curious Chamber Players schleichen und schnell mit dem Auto, dem Fahrrad oder dem öffentlichen Nahverkehr von der Orangerie, die im hügeligen Süden Darmstadts liegt, zur Centralstation in der Innenstadt kommen. Das Organisationsteam hatte dafür gesorgt, dass niemand etwas verpasste und den Beginn des zweiten Konzertes kurzerhand ein wenig nach hinten verschoben. So konnten die Nachzügler das Late-Night-Konzert „Aperghis at Night“ in voller Länge sehen, mussten allerdings auf dem Boden des vollbesetzten Saales Platz nehmen, was die ersten Minuten des Konzertes etwas unruhig machte.

Uli Fussenegger © Daniel Pufe
Uli Fussenegger
© Daniel Pufe
Aperghis at Night widmete sich der Musik des griechischen Komponisten Georges Aperghis, es spielten Musiker, die heute und in der Vergangenheit bei den Ferienkursen unterrichtet haben. Den Auftakt machte Ernesto Molinari mit SOLO für Kontrabass-Klarinette, der entgegen dem Titel seines Stückes nicht allein, sondern mit Notenwenderin auf der Bühne erschien, denn das Stück ließ ihm keine Zeit, die Noten selbst umzublättern. Sie genoss das virtuose Werk sichtlich und bewegte sich rhythmisch dazu, was dem Publikum die Herrlichkeit der Musik noch näher brachte.

Dem folgte die Sopranistin Donatienne Michel-Dansac, die in diesem Jahr im Bereich Gesang unterrichtet. Humorvoll bot sie Stücke aus dem Zyklus Pub dar, der als „work in progress” bis heute noch nicht komplett fertig geschrieben wurde, und brachte das Publikum zum Schmunzeln. Parlando für Kontrabass wurde schon einmal in Darmstadt uraufgeführt und erfuhr heute eine erneute Aufführung durch Uli Fussenegger, dem Interpreten der Uraufführung. Wie auch damals begeisterte Fussenegger das Publikum, in dem er ununterbrochen schnelle Passagen auf dem größten Klangkörper der Instrumente erzeugte.

Doch nicht nur Virtuosität, auch Theaterkomponenten gehören zu den Merkmalen von Aperghis’ Musik, was insbesondere bei den zwei Stücken für Solo-Schlagzeug zum Vorschein kam. Bei Action avec son obligé saß Interpret Christian Dierstein auf der Bühne an einem Tisch, der mit Extras wie einer kleinen, quietschenden Klapptür ausgestattet war, und auf dem sowohl ein Sprachrohr als auch ein seltenes Perkussionsinstrument, das Lion’s Roar, montiert waren. Durch das Sprachrohr kündigte er den zu erwartenden Klang an und erzeugte ihn sogleich mit dem präparierten Tisch. Für das zweite Werk, Complainte, lag außerdem ein großes Tuch auf dem Boden, in dessen Mitte ein Stuhl stand. Dort saß Dierstein, stimmte einen klagenden Monolog an und begleitete sich mit einer melancholisch gespielten singenden Säge. Dabei hielten vier Performance-Assistenten die Ecken des Tuches, kamen immer näher in die Mitte und deckten schließlich den weiter klagend musizierenden Dierstein zu. Das mündete in einer Stille, die allerdings sofort zerstört wurde, als das Publikum über die Aktion in herzliches Gelächter ausbrach.

Christian Dierstein am präparierten Tisch © Daniel Pufe
Christian Dierstein am präparierten Tisch
© Daniel Pufe
Die Konzertnacht fand ihren Abschluss mit dem Stück Uhrwerk für Bratsche, wobei Geneviève Strosser mit virtuosen Spieltechniken beeindruckte. Überhaupt zeigte sich an diesem Abend, dass nicht nur die Komponisten, sondern vor allem auch die Instrumentalisten mit ihrer ausgesprochenen Virtuosität wichtig sind, um den Horizont der gegenwärtigen Klangwelt zu erweitern, wobei sich die Spieltechniken der Neuen Musik immer weiter entwickeln. Die harmonische Zusammenarbeit zwischen Komponist und Musikern war bei diesem Konzert sehr deutlich zu spüren: Die Musik war so intensiv, dass man auf keinen Fall auch nur einen musikalischen Moment verpassen wollte - keine Musik für einen Chill-Out spät in der Nacht.