Der Auftakt zu Jörg Widmanns Bratschenkonzert könnte unspektakulärer nicht sein: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks still, der Dirigent regungslos; nur aus der linken Ecke der Bühne ertönt ein sanftes Klopfen. Es ist Antoine Tamestit, der mit seiner Bratsche neben zwei Harfen im Münchner Herkulessaal Platz genommen hat. Scheinbar wartet der Musiker auf einen vermeintlichen Start des Konzerts. Alsbald verdichtet sich das Klopfen und Zupfen; schon steht der Solist auf und wandert durch die lockeren Reihen der Musiker, die ihm mit teils gebannten Blicken folgen.

Antoine Tamestit © José Lavezzi
Antoine Tamestit
© José Lavezzi

Doch nur die Bassflöte lässt sich zunächst auf den seltsam metronomartigen Ruf seines fortwährenden Klopfens ein. Ein Duett? Nicht im eigentlichen Sinne. Es sind vielmehr flüchtige Austausche zweier Musiker, die sich spielerisch begegnen und sich ganz ohne Konsequenzen wieder voneinander entfernen. Immer wieder greifen andere Instrumente einsilbig in die Unterhaltung ein. Bassklarinette, Tuba oder die mannstarke Kontrabassgruppe setzen allesamt ihre ganz persönlichen Akzente. So fächert sich langsam ein komplexer Klangraum auf, ganz ohne aufdringlich zu sein, aber auch ohne mit übertriebenen Kontrasten zu langweilen.

Jörn Widmann schrieb Tamestit diese Komposition auf den Leib und das merkt man mit jedem Takt. Genau 154 dieser Takte braucht es jedoch, bis das Ausnahmetalent überhaupt den Bogen aufnimmt. Erst dann zeigt sich Widmanns Stück von seiner lyrische Seite; doch der orchestrale Höhepunkt währt nicht lange und entlädt sich alsbald in einem lauten Aufschrei des Solisten. Das hätte befremdlich wirken können, tut es aber nicht.

Mit stets differenziertem Klang endet das gut 20 Minuten lange Stück in einem, so der Komponist, „schmerzlich-innigen Abgesang auf eine versunkene Welt“. Erst dann steht Tamestit an der Stelle, wo man die Bratsche in einem Solo-Konzert erwarten würde – neben dem Dirigenten. Der Zuhörer wurde so auf eine Art musikalische Reise eingeladen, die mit einem Fünkchen Humor hinter die Kulissen des Musikbetriebs blicken lässt und in jeder Sekunde neue Perspektiven eröffnet.

Mit einem starken Gegensatz dazu positionierte sich das zweite Stück des Abends nach der Pause. Immer noch stand Daniel Harding am Pult und versuchte, ein bisschen englische Spätromantik in den Münchner Herkulessaal zu zaubern. Doch das überbordende Orchester für Edward Elgars Symphonie Nr. 2 hatte samt Kontrafagott und Bassklarinette kaum auf der kleinen Bühne Platz.

Statt wehmütiger Elegie wurde man in den ersten Reihen von der schieren Klanggewalt überfordert. Es dröhnte, schellte und wummerte aus allen Ecken – jegliche Subtilität des Stückes ging dabei hinter der massiven Front der Streicher verloren. Man kann Harding keinen Vorwurf machen und es war nicht sein überlegenes Dirigat, das hier bemängelt werden kann. Wo das Stück ihm Raum ließ, setzte er wohl akzentuierte Pausen. Auch die durchweg geschlossene und einsatzstarke Leistung des Orchesters kann nicht kritisiert werden. Es ist die Auswahl des Stückes, welches thematisch irgendwie zu Widmanns Bratschenkonzert passt, nur eben nicht in den kleinen Herkulessaal. Als Hoffnungsschimmer bleibt dem geneigten Zuhörer: Nur eine Woche zuvor konnte sich das Bayerische Kabinett, nach einer Dekade der Diskussion, auf ein neues Konzerthaus für die Bayerische Landeshauptstaat einigen.

Insgesamt war der Abend mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks jedoch gelungen. Gerade Jörg Widmanns abwechslungsreiches Stück überzeugte durch eine hervorragende und punktgenaue Leistung aller beteiligten Musiker. Prädikat: Durchaus hörenswert, anspruchsvoll, aber nicht überfordernd.

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