Die Ernennung von Daniel Hope zum Nachfolger von Sir Roger Norrington an der Spitze des Zürcher Kammerorchesters ist schon länger publik. Zum ersten Mal steht also ein Instrumentalsolist statt eines Dirigenten dem Orchester vor. Im Eröffnungskonzert der ersten Saison mit Daniel Hope ging es für das Publikum primär um die Frage „Wie ist der Neue?“. Eine Frage scheint im Titel für Daniel Hopes Position schon präjudiziert: er nennt sich nicht Chefdirigent, sondern Musikdirektor; der Taktstock als Werkzeug wird also allenfalls eine sekundäre Rolle spielen. Die Überschrift eines Interviews im Programmheft lautete entsprechend „Das Orchester ist der Star“.

Zürcher Kammerorchester mit Daniel Hope © Tom Entzeroth
Zürcher Kammerorchester mit Daniel Hope
© Tom Entzeroth

Das schien sich bereits im ersten Stück zu bestätigen: in Mendelssohns Oktett in Es-Dur spielte Daniel Hope im Zentrum des achtköpfigen Ensembles die dritte Violine. Er überließ die Koordination und Führung weitgehend dem Konzertmeister Willi Zimmermann, allenfalls den Satzbeginn oder spezielle Einsätze diskret andeutend. Abgesehen davon fügte er sich in das Ensemble ein, musizierte zwar klar als zentrale Funktion (wenn auch selten aus dem Verbund akustisch hervortretend), aber vor allem kollegial, beobachtend, Blickkontakt haltend und integrativ.

Mendelssohns Oktett ist hinreißende Musik, der Geniestreich eines Sechzehnjährigen, der schon in jungen Jahren sein typisches Idiom, geprägt von rascher Motorik, entwickelt hat. Die Mitglieder des ZKO musizierten präzise, schwungvoll, leicht, wobei außer der führenden ersten Violine selten einzelne Instrumente aus dem Verband hervortraten. Immer blieb die Spannung erhalten, auch in den verhalten-geheimnisvollen Takten in der Durchführung: eine ausgezeichnete Ensembleleistung, die den spontanen Zwischenapplaus verdient hat!

Der langsame Satz begann in heiterer, fast harmloser Stimmung, entwickelte dann aber eine untergründig drohende, aufgewühlte Stimmung, um anschließend in ein beinahe transzendentales Fugato mit barocken Anklängen zu mutieren. Nach einer zweiten, erregten Stelle verklang der Satz in verhaltener Stille. Dann das Scherzo: ein virtuoses Kammerspiel, musiziert mit ausgezeichneter Koordination, nicht extrovertiert oder auftrumpfend, im Teamwork, immer gespannt; Taktfestigkeit und Zusammenspiel erschienen wie selbstverständlich, bis zum gespenstisch verhuschenden Schluss. Das setzte sich im sehr anspruchsvollen, fugierten Schlusssatz fort: die Musiker spielten konzentriert, und dennoch mit Freude und Enthusiasmus, wiederum ohne Show-Effekte, nicht auf Hochglanz poliert, aber eindrücklich in der Steigerung. Das Finale war durchweg erregt, aber mit berührenden Momenten leidenschaftlicher Sehnsucht in den unisono-Passagen. Ein Meisterwerk auch in der Interpretation!

In den folgenden zwei Werken trat Daniel Hope als Solist auf. Bachs a-Moll-Konzert empfand ich nur bedingt als historisch informiert; zwar wurde mit wenig Vibrato und mit leichter Artikulation gespielt, aber das Instrumentarium war modern, der Klangkörper relativ groß. Nach meinem Dafürhalten achtete Hope mehr auf die großen Phrasen denn auf Details fein ziselierter Artikulation. Das Andante fand ich ausgezeichnet, berührend, mit berückendem ppp-Spiel, praktisch ohne Vibrato, mit leichter, transparenter Artikulation in der Begleitung, sehr zurückhaltend, aber dennoch mit großen Gesten in der Phrasierung. Das Finale war flüssig in Tempo und Gestaltung, das Solo gut ins Orchester integriert. Die raschen Figurationen ließen eine detaillierte Gestaltung kaum zu, dafür überzeugte der durchgehende musikalische Fluss.

Mit dem 1948 entstandenen Concertino von Mieczysław Weinberg erlebten wir eine schweizerische Erstaufführung. Hier nun wechselte Hope zu einer sehr romantischen Spielweise mit exzessivem Vibrato. Den Eröffnungssatz empfand ich als leicht und flüssig, eher kleinräumig phrasiert. Letzteres ist allerdings in der thematisch knappen musikalischen Substanz angelegt. Der langsame Satz besteht aus einer breiten Kadenz mit großer Geste, gefolgt von einem Adagio. Hope spielte mit warmem, tragendem Ton und weicher Artikulation, starkem Vibrato. Natürlich gefiel auch der notwendigerweise flache Schlusston auf der leeren G-Saite, doch hier empfand ich Hopes Intonation der Nebennoten gelegentlich eine Spur nachlässig.

Es hat mich etwas erstaunt, dass Hope sich für die abschließende Beethoven-Symphonie ins Publikum setzte und die Leitung ganz Konzertmeister Willi Zimmermann überließ. Man mag das als Bescheidenheit deuten, aber am Abend seines Einstandes war das eher eigenartig. Dieser Gedanke verlor sich aber mit den ersten Takten der Symphonie, die für mich zum klaren Höhepunkt des Abends wurde. Es entzückte, ja begeisterte zu sehen, dass Sir Roger Norringtons Arbeit mit dem Orchester auch nach dem Leitungswechsel Bestand hat – beinahe hätte man meinen können, Sir Roger stehe unsichtbar auf dem Podium: Beethovens Tempovorgaben wurden genau befolgt, die Artikulation war durchweg leicht, klar, spielerisch, praktisch frei von Vibrato, die Dynamik kontrastreich. Die Interpretation hatte Biss und auch in den virtuosen Sätzen war die Koordination ausgezeichnet, dabei kontrollierte der Konzertmeister sein Team fast nur mit Kopfbewegungen.

Das als Zugabe gespielte Menuett aus der Ersten Symphonie stand dem Gesagten in nichts nach. Ich hatte in meinen Notizen die Abwesenheit des neuen Chefs auf der Bühne als unfreiwilligen Kalauer mit „No Hope“ notiert; dieser Beethoven aber lässt mich mit Zuversicht in die Zukunft blicken!