Neue Musik wird zwar des öfteren außerhalb konventioneller Konzertsäle aufgeführt, doch die düstere, staubige, nach Schweiß und Zigaretten riechenden Räumlichkeiten des Berliner Nachtklubs Berghain war dennoch außergewöhnlich. Ebenso die Tatsache, dass zahlreiche Besucher auch zehn Minuten nach offizieller Saalöffnung noch vor verschlossenen Türen froren, und obgleich sie an diesem Abend nicht zum nächtlichen Feiern gekommen waren, blieb ihnen die Handtaschenkontrolle nicht erspart. Man fragte sich, was der Rest des Abends wohl noch an Überraschungen bieten würde.

Johannes Kreidler © Esther Kochte
Johannes Kreidler
© Esther Kochte

Als Prolog der Eröffnungsveranstaltung gab es die erste öffentliche Präsentation einer Installation: Johannes Kreidler, der vom Darmstädter Kreis zum Prinzen der zeitgenössischen Musik gemacht wurde, präsentierte sein neues Werk Nachdruck/Studie über strukturelle Verspätung äußerst bescheiden – so bescheiden, dass sie sogar im Ausstellungsraum fast übersehbar war – mit einem kleinen Keyboard und, auf einem Stuhl daneben, die einfach gebundenen Kopien aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach. Diese Installation ist die fortgesetzte Version der gleich benannten „Nachdruck/Studie über strukturelle Verspätung“ aus den 5 Programmierungen eines MIDI-Keyboards (2006).

Jeder war eingeladen, alles anzufassen oder auch gleich die Noten selber auf den Tasten zu spielen. Diese Interaktion war unerwartet, vielleicht nicht gänzlich unorthodox, und doch spannend und gewissermaßen enthüllend: Selbst wenn ein Musiker mit sehr guter Spieltechnik die Noten ganz präzis nachspielte, klang die Musik, obwohl Bach, sehr schlicht, naiv, eher anfängerhaft. An diesem MIDI-Keyboard waren instrumentale Profis und Laien zuerst nicht voneinander zu unterscheiden. Kreidler hatte nämlich sein MIDI-Keyboard so programmiert, dass die Töne nicht etwa beim Anschlagen, sondern erst beim Loslassen der Taste erklingen. Diese gewitzte Verfremdung der künstlerischen Darstellung warf bei Ausprobierern wie Zuschauern zahlreiche Fragen auf: Welche Funktion haben die Noten überhaupt? Sollte die Musik tatsächlich so klingen, wie Bach sie notiert hat, oder sollte ihnen eher die Geste der Aufführung entsprechen? Und letztlich – ist dies überhaupt (noch) Kunst? Kreidler ließ sie unbeantwortet, doch sie boten eine fundierte Anregung für den weiten Abend. Es folgte eine Podiumsdiskussion mit verschiedenen Interpreten, Theoretikern und Komponisten zum Thema „Wohin neigt sich die Waage: Zum Schöpfer oder zum Interpreten?“ - eine Frage, zu der Kreidlers Installation vielleicht doch Ansätze liefert und in eine mögliche Richtung weist...?

Der Diskussion schloss sich ein weiteres Konzert an, für das die Künstler der amerikanischen Los Angeles Free Music Society sich mit Berliner Musikern zu einem großen Ensemble zusammentaten. In Echtzeit bastelten die Musiker mit mehreren Plattenspielern, Samplern und einem Koassilator sowie konventionellen Instrumenten wie Saxophon, Gitarre, Trompete und Schlagzeug eigene kollektive Klänge. Obwohl die Namen der Komponisten der Stücke im Programmheft genannt waren, schien die individuelle Urheberschaft hier kaum ins Gewicht zufallen, denn es entstand direkt vor den Augen und Ohren des Publikums eine demokratisch improvisierte Komposition im Kollektiv. Mit dem letzten Stück, „Airway”, kam die Performance zu einem Höhepunkt – musikalisch und dynamisch. Schlagzeuger Steve Heather bearbeitete das Drum-Set mit schnellen Schlägen in der Lautstärke eines Heavy Metal Musikers, die sogar den extrem forcierten Gesang der Sängerin Vetza übertönte. Obwohl man den Sound technisch besser hätte ausbalancieren können, könnte man hinter der Grobheit der Aufführung möglicherweise Absicht und Zugehörigkeit zum Gesamtkonzept vermuten, die eine neuartige Klangästhetik entstehen ließ. Das Berghain war der passende Ort dafür.