Beethovens Fünfte Symphonie gehört zu jenen Werken, die selbst über 200 Jahre nach ihrer Uraufführung noch die Massen in den Konzertsaal ziehen. So auch diese Woche im Göteborger Konzerthaus, wo das ansässige Symphonische Orchester mit David Afkham die famose Symphonie erklingen ließ.

David Afkham © Felix Broede
David Afkham
© Felix Broede

Als „Vorprogramm“ waren Werke von Rudolf Stephan und Béla Bartók zu hören. Den schlichten Titel „Musik für Orchester“ trägt diese Symphonie in Miniatur, die der junge Stephan mit 26 Jahren komponierte; nur zwei Jahre später sollte er dem 1. Weltkrieg zum Opfer fallen. „Ich bin ergriffen und bestürzt jedes Mal wenn ich dieses Werk höre; nach jeder Aufführung ein bisschen mehr“, schrieb Dirigent Paul Scheinpflug über Stephans Durchbruchswerk. Die Musik für Orchester begann im Mezzoforte und mit einem sehr schmalen Tonumfang in allen Stimmen. Bei der Nähe der Notenwerte schienen alle Instrumentengruppen mit ihren legato-Linien auf einer eigenen Ebene zu schweben. Im Mittelteil wandelte sich die ruhige Lage und über schmetterndes Blech setzten die Streicher mit kraftvollen Bogenzügen harte Akzente. Mit mehr Süße aber unverminderter Kraft wandelte sich die Musik wieder zu feinen Nuancen innerhalb der Streicher. Der Oboe gelang ein besonders schönes Solo zum Ende hin, das mehr zu versinken als zu verhallen schien.

Dem folgte Bartóks Erstes Violinkonzert, das er für die junge Solistin Stefi Geyer schrieb, für die er eine heiße aber kurzlebige Liebe hegte. Violinist Sergej Krylov interpretierte das Konzert ganz ohne Allüren und mit fast schon zurückhaltender Manier; das zeigte sich schon, als er unisono einsetzte. Flink hopsend war sein Spiel durchgehen d leichtfüßig und in Tempo wie Volumen immer gemäßigt. Nie verlangte er seiner Geige einen schrillen Ton ab, selbst als sich die linke und rechte Hand in den höchsten Höhen fast zu berühren schienen. Die Ausgeglichenheit des Tons des Solisten übernahm auch Dirigent Afkham, der für dieses Werk seinen Taktstock ablegte. Nicht mit den ganzen Händen, sondern teilweise nur mit einzelnen Fingerbewegungen schien er die Musiker in die vorgelegten Spuren der Violine zu führen. Das ganze Werk vermittelte so den Eindruck eines ausgedehnten zweiten Satzes, geschmückt mit ein paar zart rüttelnden Böen.

Schließlich: Beethoven. David Afkham feierte heuer mit diesem Werk und dem Gustav Mahler Jugend Orchester schon einen Erfolg in Abu Dhabi und setzte diese Triumphzug in Göteborg fort. Ohne Partitur und mit meist halb schwebenden Fußballen gab Afkham der Fünften eine Aufführung voll Größe und ohne unnötigen Prunk. Schon nach den ersten paar Takten wurde klar, dass hier mit viel Überlegung und Gefühl dirigiert wird. Bewusst hielt der Taktstock das Tempo zu Beginn ganz gleichmäßig und fiel so nicht in die Falle von zu Flüchtigkeit führender Euphorie. Jeder Einsatz der Musiker kam klar zur Geltung und führte vor Augen, dass auch ein Allegro con brio kontrolliert in Flammen aufgehen kann. Die zarte Kantilene der Oboe nutze Afkham als Bruch in der Lautstärke und dehnte die daraus resultierende Stille im Saal gekonnt aus. Nach diesem hervorgehobenen Hoffnungsschimmer wirkte der erneute Einsatz des Schicksalsthemas noch mächtiger und steigerte sich bis zum Ende des Satzes in Eindringlichkeit und Volumen.

Im Andante waren in den weichen Wogen dieses Satzes mehr rhythmische Freiheiten zu hören. Ein kurzes Aufatmen schien jedem neuen Motiv voranzugehen und erinnerte bildlich an eine sanft hügelige Landschaft. Blech- und Holzbläser zeigen in diesem Satz eine gegensätzliche Charakterisierung. Während Trompeten, Hörner und Posaunen immer mit festlicher Lautstärke ertönen, wendet sich die ländlich idyllische Melodie von Klarinette zum Fagott und weiter zu den Flöten. Das wandernde Lied verbanden die Holzbläser dabei so gut, dass es wie aus einem Atemzug klang.

Auch für die zwei folgenden Allegri hatte David Afkham eine Schlüsselidee zu bieten. Den dritten Satz legte er bewusst klein an, um das Finale noch überragender wirken zu lassen. Zum leisen Pizzicato der Streicher mischten sich gedämpfte Bläsertöne, die von weit her zu klingen wirkte. Selbst das Schlagwerk schien seine Felle fast nur zu kräuseln und diese stille Spannung stellte einem alle Nackenhaare auf. Mit einem Crescendo der Geigen und einem immer lauter werdenden Tutti tat sich die Symphonie nun zu ihrer vollen Größe auf. Ein verschmitztes Lächeln auf dem Gesicht von David Afkham verriet: sein Plan ist aufgegangen und damals wie heute kann man sagen: „Wie erlöst verließ die jubelnde Menge das Haus. Das ist das Unsägliche dieser Kunst.“

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