Der 1987 in Nizhni Novgorod (Gorki) geborene Pianist Igor Levit hat 2013 Beethovens späte Klaviersonaten auf CD veröffentlicht, dieses Jahr nun Bachs 6 Partiten BWV 825 - 830. Einen Teil dieses Repertoires präsentierte er in Zürich an einem Klavierabend — laut dem gedruckten Programm die Partita Nr.3 in a-Moll, und Beethovens Sonate in c-Moll op. 111; dazu eine Fantasia von Busoni, Beethovens Sonate op.54 in F-Dur sowie die Sonate in D-Dur op. 28. Der Abend begann aber mit einer Ankündigung durch den Künstler: er habe in der Konzertvorbereitung festgestellt, dass die Partita in a-Moll und das op. 28 nicht zum Rest des Programms passten. An deren Stelle werde er Bachs Partita Nr.2 in c-Moll sowie Beethovens Sonate Nr. 31 in As-Dur, op. 110 spielen.

Igor Levit © Felix Bröde
Igor Levit
© Felix Bröde

Schon in op. 54 war klar: dies war ein Beethoven der verhaltenen, sanften Töne. Levit vermied harte Kontraste, gestaltete weiche, behutsame Übergänge; seine Stärke liegt im Leisen, Intimen, im legato-Spiel, einer sanften, harmonischen Phrasierung, und in großen Steigerungsbögen. Oft waren ganze Passagen eine Stufe leiser als angegeben, und am unteren Ende der dynamischen Skala riskierte Levit eher, einen Ton oder Akkord nur anzudeuten oder gar wegzulassen, als eine Phrase durch einen zu lauten Ton zu unterbrechen. Er bevorzugt langsame, behutsame Tempi. Eigenartigerweise waren im Mittelteil der Reprise des ersten Satzes mehrere Takte durch ein einfacheres Versatzstück ersetzt — ein geschickt kaschierter Gedächtnis-Lapsus oder eine gewollte Vereinfachung? Darüber hinaus verkürzte er die Wiederholung des zweiten Allegretto-Teils auf etwa die Hälfte — ein eher fragwürdiges Vorgehen.

Es war zu erwarten, dass auch die Partita Nr. 2 in c-Moll mit der gleichen, weichen Artikulation erklingen würde. Levit spielte wiederum legato, mit häufigem Gebrauch des Pedals. Die Einleitung im Stil einer französischen Ouvertüre umging alle rhythmischen Härten, Akkorde wurden arpeggiert, Überpunktierungen gemildert. In den nachfolgenden Teilen des Einleitungssatzes vermied er das übermäßige Hervorheben von Melodiestimmen, gestaltete eher breite dynamische Bögen. Die Allemande war extrem bedächtig — zu bedächtig angesichts der alla breve Notation —, und auch die Courante blieb ruhig, verlor dadurch ihren Tanz-Charakter. Der vielleicht gelungenste Satz in dieser Interpretation war die Sarabande (wunderbar ruhig, gemessen), bis auf das etwas exzessive Ritardando am Schluss. Levit spielte mit sparsamen, aber nicht unpassenden Verzierungen, jeweils sowohl im ersten wie (vermehrt) im zweiten Durchgang. Insgesamt eine weiche, sehr romantische Interpretation: sie könnte kaum weiter davon entfernt sein, was Bach sich auf „seinem“ Instrument vorgestellt hat. Die Musik ist diesbezüglich tolerant — aber ist es noch Bach?  

Beethovens As-Dur-Sonate folgte im Wesentlichen dem Muster des Eingangsstücks: wunderbar und passend hier die sehr vokale Gesangslinie im Moderato cantabile molto espressivo. Dynamische Vorzeichen und sforzandi deutete Levit wieder oftmals nur an, gestaltete fließend, harmonisch — eine sehr gelungene Umsetzung. Im Allegro molto hätte man sich vielleicht Beethovens Aufbegehren in den forte-Stellen und den wilden Synkopen etwas deutlicher hervorgehoben gewünscht. Das folgende Adagio ma non troppo hingegen war sehr ausdrucksstark gespielt, allerdings extrem langsam: Beethoven schreibt nicht nur Recitativo, cantabile, sondern auch Klagender Gesang / Arioso dolente, dachte also explizit an eine Gesangsstimme — in diesem Tempo aber könnte ein Sänger die Melodie nie singen, und der Hörer verliert die Übersicht. Die Bezeichnung ist zudem Adagio (nicht etwa langsam, sondern ruhig!) und trägt den Zusatz ma non troppo, der Satz könnte also durchaus dramatischer gestaltet werden. In der anschließenden Fuge mit nachfolgender Umkehrung wäre mehr dynamische Differenzierung wünschenswert, nicht nur zwischen und f, sondern auch im Zusammenspiel der Stimmen — hier war die Musik manchmal in Gefahr, zu einem Klangbrei zu verkommen, auch fehlte in der Vorbereitung zur letzten Klimax etwas die Spannung.

Nach der Pause folgte die Fantasia nach J.S. Bach, BV 253 von Ferruccio Busoni, eine freie Fantasie unter Einbezug von Choralmelodien, die Bach in diversen Orgelwerken verwendet hat. Wer hier auftrumpfendes Tastendonnern erwartet hat, mag sich allerdings über den meditativen ersten Teil gewundert haben: die Choralmelodie legte sich sanft über leises Bassgrollen in spätromantischen Harmonien. Erst nach etwa 9 Minuten, mit dem Weihnachtschoral „Gottes Sohn ist kommen“, schwingt sich die Musik zu einer kurzen Steigerung auf, um sogleich wieder in die meditative Ruhe zurückzufallen, gefolgt von einer längeren, großartigen Klangentfaltung mit Busoni-typischem, dichtem Stimmgewebe. Die Fantasia endet in verklärter Ruhe, ganz leise in der Tiefe verklingend —wunderbare Musik, wie auf Igor Levit zugeschnitten.

Dem bescheiden auftretenden Igor Levit stand der Sinn danach nicht nach Applaus: er verharrte mit den Händen über der Tastatur und schaffte es, eine halbe Minute gespannter Stille zu erhalten, um dann unvermittelt mit Beethovens letzter Sonate anzuheben.

Der erste Satz beginnt mit doppelt punktierten Achteln, doch hier waren diese Punktierungen deutlich zu schwach, die Auftakte zu lang, das Tempo sehr breit: wollte er die Härte des Maestoso mildern? Im zweiten Teil dieses Satzes arbeitete auch Igor Levit mit fortissimo, legte die schroffen Strukturen der Komposition frei: ein gewaltiges Konstrukt, vergleichbar nur noch mit Teilen der Hammerklaviersonate. Schließlich Beethovens letzter Sonatensatz, eine Arietta mit 9 Variationen: hier war Levit wieder ganz in seinem Element. Das Arietta-Thema spielte er sehr langsam, nahm aber die Variationen in einem etwas rascheren Tempo, das er dann durchhielt bis zum Schluss. Dabei konnte er die langen Bögen, die breite Schlusssteigerung eindrucksvoll gestalten. Der Satz verfehlte seine Wirkung nicht: der Künstler wurde mit stehenden Ovationen bedacht und bedankte sich mit Busonis Klavierbearbeitung von Bachs Choralvorspiel BWV 659 über „Nun komm, der Heiden Heiland“ — auch diese passenderweise wieder ein introvertiertes, fast meditatives Werk.

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