Während andere 20-jährige manchmal noch nach ihrer Passion suchen, hat Jan Lisiecki seine schon lang gefunden. Seine Vielseitigkeit und sein Talent stellte der polnische Pianist zusammen mit den Warschauer Philharmoniker unter der Leitung von Jacek Kaspszyk in Essen unter Beweis.

Als Einstieg gab es die Ouvertüre zu Beethovens einziger Oper Fidelio. Das markante Eingangsmotiv der Streicher erklang beim ersten Mal gewohnt intensiv, kraftvoll und kurz gehalten. Beim zweiten Mal wurde das Thema weniger energisch wiedergegeben, sondern erklang zärtlicher und weicher. Das anschließende Hornmotiv war nach dem dynamischen Beginn stark in die Länge gezogen und durch die breiten Striche der Geigen entstand ein betont romantischer Klang.

Jan Lisiecki © Mathias Bothor | DG
Jan Lisiecki
© Mathias Bothor | DG
Beethovens Viertes Klavierkonzert wird entgegen den damaligen Konventionen nicht mit einem Tutti sondern vom Solisten eröffnet. So gehörte vom ersten Moment an die volle Aufmerksamkeit Lisiecki, der seinen ersten Akkord behutsam aufsetzte und dessen weichen und doch satten Klang länger erklingen ließ, als man es zum Beispiel von Daniel Barenboims populären Interpretationen kennt. Schon hier war zu erkennen, dass das ein besonders interessantes Konzert werden würde.

Lisiecki nutzte für lange Läufe meist das Pedal und bewies Vielfältigkeit, indem er die Akkorde im ersten Satz überwiegend weich anschlug, die Läufe forsch anspielte, jedoch sukzessive im Lauf lockerer ließ. Im vierten Satz passierte hingegen das Gegenteil: Entschlossene Akkorde trafen auf luftige Läufe und kräftig akzentuierte Triller. Besonders, wenn Läufe und Akkorde zur selben Zeit in beiden Händen erklangen, waren diese differenzierten Spieltechniken auffallend.

Das Hin und Her zwischen Orchester und Solisten hätte meinem Empfinden nach noch stärker ausgebaut werden können, um es wie einen Dialog wirken zu lassen, wenn man beide Parts miteinander verschmelzen und interagieren lässt. Dazu wurden Lisieckis Solos aber zu spärlich im Spiel der Warschauer Philharmoniker aufgegriffen. So entstand der Eindruck von zwei nebeneinander verlaufenden Musiken und nicht eines großen in sich geschlossenen Gesprächs. Nichtsdestotrotz änderte die fehlende Interaktion des Orchesters mit Lisiecki nichts an seiner beeindruckenden Interpretation, deren zweiter Satz auch wieder voller Kontraste war. Unbeschwerte Akkorde leiteten diesen ein, die an kleine feine Regentropfen oder Tauperlen denken ließen. Dagegen wirkten die mit vollem Akzent gespielten Triller recht derb, einen Regenschauer gleich.

Nach einem kurzen „Hallo. Guten Abend. Dankeschön.“ gab es die Elegie von Rachmaninow als Zugabe. Mit großer Ruhe und Besonnenheit demonstrierte Lisiecki geradlinige Höhen, kernigen Ton in den Mittellagen und einen vollen und abgerundeten Bass. Mit Rachmaninow ging es nach der Pause auch wieder weiter: Jacek Kaspszyk dirigierte Rachmaninows Zweite Symphonie, die 100 Jahre nach Beethovens Fidelio und Klavierkonzert komponiert wurde.

Die meisten großangelegten Crescendi des ersten Satzes erschienen mir dabei undefiniert und ließen nicht so recht erkennen, wohin die Phrase führte. Die extrem und schnell wechselnden Dynamiken wirkten unverhältnismäßig, wobei man den Eindruck von einem rauen, zerrissenen Klanggeflecht bekommen konnte. Die großen Crescendi im vierten Satz jedoch wirkten durchdachter und ließen einen kontinuierlichen Anstieg der Intensität wahrnehmen und mündeten jedes Mal in einem regelrecht knallenden Höhepunkt, der einem einzigen großen Schrei aller Instrumente mit schrillen Flöten, schmetternden Blechbläsern und wuchtigen Streichern gleichkam.

Wo im ersten Satz vielleicht die Kommunikation zwischen den Instrumentengruppen gefehlt hat, funktionierte das Ineinandergreifen und Verschmelzen der Stimmen hier außerordentlich gut. Dazu trug bei, dass Bläser die weichen Schlussphrasen der Streicher und andersherum in ihren Anfang der Phrase mit hineinnahmen. Das Eingangsmotiv des zweiten Satzes war schwungvoll und zupackend gespielt, behielt sich dennoch eine Leichtigkeit mit den schnellen Bogenwechsel der Streicher bei. Eben diese Lockerheit ging jedoch leider im dritten Thema des Satzes verloren; de schnellen Achtelfiguren in den Streichern erklangen mit viel Druck auf den Saiten sehr streng und exakt.

Der dritte Satz wurde von einem sehr geschmeidigen Klarinettensolo eingeleitet, das weniger durch vollen als durch einen transparenten Klang bestach. Die langen Notenwerte wurden mit Schärfe und Biss angespielt, um sie mit verringertem Druck ausklingen zu lassen. Das anschließende tutti war durchzogen von großem Vibrato und mit Nachdruck gespieltem Legato sowohl in den Streichern, als auch den Bläsern. Das Eingangsthema des vierten und letzten Satzes wurde ähnlich wie der zweite Satz gestaltet. Das freche Thema begann spitz und freudig, wirkte aber bald statisch, da die schnellen aufschwingenden Läufe in Geigen und Flöten gleichermaßen an Brillanz verloren.

Am Ende blieb der Hörer uneinig über die Interpretation dieser Symphonie, doch über die gelungene Darbietung des jungen Jan Lisiecki war man sich einig.