Am 9. Juni fand am heißesten Pfingstmontag aller Zeiten in der Münchener Staatsoper ein Festkonzert zum Geburtstag von Richard Strauss statt. Unter Leitung von Franz Welser-Möst spielte das Bayerische Staatsorchester in unterschiedlichen Besetzungen einige der schönsten Kompositionen des eng mit der Bayerischen Staatsoper verbundenen Komponisten, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 150. Male jährt. Als ob die brütende Hitze an diesem denkwürdigen Konzertabend nicht schon genug war, brachten der Verve und die Musizierfreude aller beteiligten Künstler das Publikum derart zum Brodeln und Johlen, dass es im Zuschauerraum am Ende des Konzerts noch einmal gefühlte 10 Grad wärmer war als am Anfang. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, und das oft recht reservierte Münchner Publikum klatschte frenetisch, jubelte und überschlug sich vor „Bravo“-Rufen.

Zu Recht.

Franz Welser-Möst © Wilfried Hösl
Franz Welser-Möst
© Wilfried Hösl
Das Konzert begann mit den Metamorphosen für 23 Solostreicher. Richard Strauss, der mit seinen Opern Salome und Elektra die Tür zur Moderne weit aufgestoßen hatte, kehrte danach mit dem Rosenkavalier wieder zur akademisch tonalen Tonsprache zurück. Die Metamorphosen, das letzte große Orchesterwerk des Komponisten, changieren zwischen den Klangsprachen der Tonalität und einer freitonalen Expressivität. In der Orchestrierung wechseln höchst intime kammermusikalische Episoden mit klangvollen Streichorchesterpassagen ab. Dies ist die große Herausforderung des Werkes, nämlich jene Klangwelten logisch miteinander zu verbinden. In den unzähligen Interpretationen dieses Werkes finden sich nur einige wenige, bei denen diese Gratwanderung gelingt. Im Großen und Ganzen meisterten die 23 Solisten des Bayerischen Staatsorchesters unter dem fein-differenzierten und höchst akkuraten Schlag des Maestro Welser-Möst diese Herausforderung wunderbar, was neben dem hohen spieltechnischen Niveau auch an der hohen Konzentration der Musiker lag. Hie und da gab es intonatorische Trübungen und die rhythmische Synchronität geriet ein wenig aus den Fugen, jedoch waren dies nur flüchtige Eindrücke, die man den äußerst engagierten Musikern gerne verzieh, wenn man gleichzeitig sah, mit welch unbändiger Freude sie sich die Motive zuspielten. Nicht selten sah man die Musiker sich zulächeln, wenn eine Passage besonders gut gelang. Stellvertretend für all die besonders fein geprobten Stellen sei hier der Übergang zum Più allegro in der zweiten Hälfte des Werkes genannt, der perfekter nicht hätte sein können.

Es folgte ein weiteres Spätwerk, die Vier letzten Lieder nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff. Auch dieser Zyklus ist geprägt von großer kammermusikalischer Intimität. Für die Sopranistin ist es bei der massiven Orchesterbesetzung ein enormer Kraftakt, die Spannung und Intensität der leisen Töne bis in die letzten Ränge und Balkone zu tragen. Die finnische Sängerin Soile Isokoski bewies eindrucksvoll, warum sie im Jahre 2002 den begehrten Gramophone Editor's Choice Award für eine Aufnahme eben dieser vier Lieder erhielt. Es war schlicht grandios, wie Isokoski es verstand, ihre herrlich runde und ausbalancierte Stimme über alle Stimmlagen mit den Orchesterklängen zu verflechten und ihr im entscheidenden Moment die nötigen Obertöne zu verleihen, um sie über den Klangteppich aufsteigen und dort sanft schweben zu lassen. Franz Welser-Möst hielt sich zumeist dezent zurück und genoss sichtlich die kongenialen Augenblicke höchster Interpretationskunst.

Bayerisches Staatsorchester mit Soile Isokoski, Golda Schultz und Michelle Breedt © Wilfried Hösl
Bayerisches Staatsorchester mit Soile Isokoski, Golda Schultz und Michelle Breedt
© Wilfried Hösl
Die zweite Konzerthälfte startete fulminant mit der Tondichtung Don Juan (op. 20). Michael Horst schreibt im Programmheft: „Wie einen Blitz schleudern die Streicher, gefolgt von den Bläsern, die Anfangstakte heraus.“ Und genau das taten sie, die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters. Doch dabei blieb es nicht. Wie Don Juan ein Herz nach dem anderen eroberte, so erfüllten die Orchestermusiker die Herzen der Zuhörer mit einem fortwährenden Rausch kleiner Glücksmomente. Welser-Möst hatte offenbar hervorragende Probenarbeit geleistet und führte das Orchester mit traumwandlerischer Sicherheit durch die höchst anspruchsvolle Partitur. Die intensive Vorbereitung der einzelnen Stimmgruppen war deutlich hörbar, und die Souveränität, mit der alle Musiker die Klippen dieser diffizilen Komposition meisterten, war schlicht überwältigend. Stellvertretend für alle Musiker seien hier die Blechbläser und besonders die Hornisten erwähnt, da Richard Strauss gerade für diese Instrumentengruppe einige der schwierigsten Stimmen der Orchesterliteratur geschrieben hat. Nicht nur für die Hornisten gab es viel Applaus, bevor nach einem kurzen Umbau mit dem Schlussterzett aus dem Rosenkavalier (op. 59) das letzte Stück des Abends angestimmt wurde.

Neben Soile Isokoski als Marschallin hatten die Münchener auch die Sopranistin Golda Schultz als Sophie und Mezzosopran Michelle Breedt als Octavian verpflichtet. Das Orchester setzte seinen Klangrausch nahtlos mit den einleitenden Walzertakten fort und trug die drei Sängerinnen sensibel und einfühlsam durch eines der schönsten Opernfinali der Musikgeschichte. Soile Isokoski knüpfte an ihre tadellose Leistung der Vier letzten Lieder an und gab eine schnörkellose Marschallin. Golda Schultz beeindruckte mit einer glasklaren Stimme, markanter Phrasierung und warmem Vibrato. Michelle Breedt erwies sich ebenfalls als optimale Besetzung und bildete nicht nur mit ihrem kernigen Mezzosopran, sondern auch mit ihrer Schauspielkunst das passende Bindeglied zwischen den beiden Sopranistinnen. Von Höhepunkt zu Höhepunkt trugen die Musiker das beschwingte Publikum, und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Frenetischer Applaus und eine von Fröhlichkeit und Glückseligkeit erhitzte Nacht.

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