Sein Amt als sechster Chefdirigent in der Geschichte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wird Sir Simon Rattle erst zur Spielzeit 2023/24 antreten; wie er bereits in dieser – durch Pandemie-Beschränkungen belasteten – Saison immer wieder in hochintensivem musikalischem Austausch mit den Musikern kommunizierte, welche Pflöcke er bereits im Münchner Konzertleben verankerte, macht absolut Appetit auf die Früchte dieser neuen Zusammenarbeit. So stand vor wenigen Tagen eine nachdenklich gestaltete Matthäus-Passion auf dem Programm; im Frühjahr hatte er in einem „Doppelkonzert“ an zwei Orten die musica-viva-Reihe des Orchesters mit singulären Aufführungen zeitgenössischer Spitzenwerke akzentuiert.

Sir Simon Rattle
© Astrid Ackermann

Das BRSO und seine Mahler-Interpretationen: schon Mariss Jansons und Lorin Maazel haben hier ihre eigenen Kapitel hinterlassen, und an Rafael Kubelíks zügige Version der Neunten von knapp achtzig Minuten knüpfte nun auch Simon Rattle an, den eine ebenso glühende Mahler-Verehrung antreibt wie seine Vorgänger.

Schon 1908 hatte sich Gustav Mahler in die Abgeschiedenheit seines Komponierhäuschens im Pustertal zurückgezogen, nachdem gleich drei Schicksalsschläge sein Leben verändert hatten: der Tod seiner geliebten Tochter Maria Anna, sein Rücktritt als Direktor der Wiener Hofoper, schließlich die Diagnose einer Herzerkrankung. Trost fand er in einer Sammlung chinesischer Gedichte, die Hans Bethge frei ins Deutsche übertragen hatte und zum Ursprung seines Lieds von der Erde wurde. Wieder aus den Sommerferien, 1909 in Toblach, schrieb Mahler an seinen Freund Bruno Walter über die entstehende Neunte Symphonie: „Es ist da etwas gesagt, was ich seit längerer Zeit auf den Lippen habe – vielleicht (als Ganzes) am ehesten der Vierten an die Seite zu stellen. (Doch ganz anders.)” Ein Zufall mit Beziehung, dass das BRSO erst vor wenigen Wochen Mahlers Vierte (unter Klaus Mäkelä) aufgeführt hatte, in der bereits Mahlers Denken in zwei sich widerstreitenden und zugleich ergänzenden Prinzipien faszinierte: Himmel und Erde, in „dualistischer Spannung“ zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Liebe und Tod.

Es fällt leicht, in seiner Neunten Spuren von Abschiedsgedanken zu finden: „Leb' wol“ schrieb Mahler über das einleitende Andante comodo, und die vorsichtig tastenden Tonbrocken, das seufzend abfallende Violinthema zu Beginn des ersten Satzes könnten als erschöpfter Ausruf eines Genesenden nach langer Krankheit angesichts irdischer Mühe erscheinen. Doch Rattle griff darüber hinaus. Aus diesem schweren Auftakt entwickelte er eine sich langsam in Leidenschaft steigernde Musik, die mit äußerster Heftigkeit die Liebe zum Leben beschrieb, glühend auch vor Schmerz, und doch ohne Resignation. Licht und Dunkel auch hier. Das Orchester brillierte mit gewaltigen, wohl dosierten Steigerungen zu exorbitanten Tuttimassierungen, aber ebenso dichten Diminuendi, die zu düster schattenhaftem Vorausahnen führten, atemberaubend liebevolles Abschiednehmen wie wärmend in wunderbaren Instrumentalsoli einfügten.

Sir Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
© Astrid Ackermann

Es war für die musikalische Binnentemperatur des symphonischen Dramas bezeichnend, dass Rattle auswendig dirigierte, permanent mit allen Sinnen dicht im Orchester austarierte, Spannungsbögen formte, Stimmen aufdeckte, Betonungen einbettete, entfesselte, fokussierte. Diese enge Verflechtung war auch die Basis in den anschließenden wild-virtuosen tänzerischen Traumstücken. Was im ersten Scherzo Im Tempo eines gemächlichen Ländlers anhub, kam nur anfangs „etwas täppisch“ daher, brach schnell um zum derb ungestümen Walzer, wie in einem Zerrspiegel; ohne Verschnaufen zum innig langsamen Ländler, den die Holzbläser in mitreißendem Accelerando zur retrospektiven Vision eines tief empfundenen Tanzerlebnisses machten.

Dass Mahler mit der Rondo-Burleske noch einen Tanzsatz nachschiebt, ist ein Unikum in seinen Symphonien. Stürmisch und trotzig ließ Rattle sie dahinfegen; was eben noch etwas derb war, wurde nun zu Galgenhumor, grimmiger Lustigkeit. Dazwischen Operettentöne, verzerrter Schlager, turbulenter Taumel auf einem sich immer schneller drehenden Karussell bis zum letzten kreischenden Orchesterüberschlag.

Von beeindruckender Größe der große Abgesang des Adagios: eine satte, unendlich dichte Kantilene der Streicher, eingebettet eine wunderbar sphärischen Antwort des Solohornisten; dann immer drängender durch alle Gruppen gesungen, auch die Bläser mitreißend, wie ein letzter sehnender Aufschwung. Doch die Musik wurde nicht zerdehnt. Verstummen bedeutete, dass zuvor Leben erlebt wurde. Und wenn sie die Musik auflösten, öffneten die Musiker darin den Blick nach vorn, in ein Loslassen, eine neue Gelassenheit, in immer neue Konstellationen wunderbaren Zusammenspiels der atemberaubenden Soli aus dem Orchester.

Münchens neue Isarphilharmonie war wiederum prachtvoller akustischer Rahmen, und noch mehr. So wie die anthrazit-graue Wandtäfelung die dunklen Lebensabschnitte widerspiegelte, machte sich das lichterfüllte Halbrund des Orchesters zum Spiegel eines Hoffnungsstrahls. Obwohl nur 25% Publikumsbelegung zugelassen war, dieses feierte ein opulentes Klanggemälde und Sir Simon mitten im BRSO!

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