„Die Oper aller Opern“ hat der Dichter E.T.A. Hoffmann sie einmal genannt. So wollten im ausverkauften Stadttheater Fürth viele Don Giovanni, dem unersättlichsten Frauenhelden der Opernliteratur, über die Schultern schauen. Beim Gastspiel des Staatstheaters Meiningen hätten offenbar gern auch einige Killian Farrell kennengelernt, derzeit GMD an der südthüringischen Bühne und ab Mitte 2027 Nachfolger von Roland Böer am Staatstheater Nürnberg. Doch nachdem die Meininger Premiere bereits im Mai 2025 stattfand, ist das Nachdirigat – wie ebenso an anderen Bühnen üblich – auf die Kapellmeisterin des Theaters übergegangen. Die Südkoreanerin Noori Cho sorgte am Pult der Meininger Hofkapelle für reines Mozart-Vergnügen, ließ das renommierte Orchester theatralisch-transparent erklingen, erzeugte vibrierende Spannung. Jedes Nebenthema wurde zum Leben erweckt; ein Klangteppich, auf dem sich die Sängerschar hörbar wohlfühlte.

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Don Giovanni
© Christina Iberl

Buchstäblich als Dreh- und Angelpunkt der Handlung hat Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte ein raumfüllend großes Faltbuch ins Bühnenzentrum gestellt, das sogar begehbar ist; aus diesem können Personen, liebevoll in zeitgenössisches Gewand gekleidet, auftreten oder sich verbergen. Dieser Leporello, nach Giovannis Diener benannt, stellt geradezu die in Leder gebundene Manifestation von Giovannis Eroberungen dar, die der Diener – eine überdimensionale Feder schwebt vom Plafond herunter – säuberlich aufzeichnet und die in 1003 Amouren allein in Spanien gipfelt.

Shin Taniguchi (Don Giovanni) © Christina Iberl
Shin Taniguchi (Don Giovanni)
© Christina Iberl

Es mag noch eine Anspielung sein, dass Leporello dazu eine Taschenausgabe dieser erotischen Chronik wie einen schwer lastenden Rucksack auf seinen Schultern herumträgt. Im zweiten Akt ist das große Buch wie ein Liebeslager auf dem Boden aufgeklappt. Am Ende begräbt es den Wüstling unter sich. Tomasz Wija überraschte als Leporello in seiner Registerarie durch faszinierende stimmliche Präsenz bei fast lakonischem Gestus. Er gibt den geduldigen Diener seines Herrn, versucht im zweiten Akt scheinbar ängstlich Giovannis Kapriole noch abzuwenden, die Kleidung zu tauschen, um von einer verflossenen Liebschaft nicht geprügelt zu werden. Wie er seine neue Rolle dann plötzlich doch genießt, gehörte zu den amüsanten Höhepunkten dieses Akts.

Dass Mozarts Librettist Lorenzo Da Ponte drei Frauen unterschiedlichen Standes herauspickt, denen Giovanni sich nähert, bekommt bei Horstkotte mit schlüssig ausgefeilten Charakteren besondere Feinzeichnung. Wie Giovanni dabei sein Talent einsetzt, sich jeder Frau auf die ihr gemäße Art zu nähern, bringt er in der richtigen Mischung aus beseelter Tiefe und amüsantem Detailreichtum bis in die Gestik sogar mit einer Portion Ironie auf die Bühne.

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Shin Taniguchi (Don Giovanni) und Tomasz Wija (Leporello)
© Christina Iberl

Die adelige Donna Anna, Tochter des Komturs, eines Ordensritters, lebt noch im Haus ihres Vaters. Als er Giovanni beim Liebesabenteuer aufspürt, ersticht dieser ihn beim Duell. Lubov Karetnikova verkörperte souverän das komplizierte Wesen der elegisch-edlen Donna Anna, die in Liebeskonflikt gerät zu ihrem Verlobten Don Ottavio, der dramaturgisch zwar wenig zum Handlungsablauf beiträgt. Dass Mozart seine Rolle mit aufblühenden Arien veredelt, ließ sich Garrett Evers mit wunderschön leicht geführten Tenor nicht entgehen.

Lena Kutzner spielte eine sehr unabhängige, pathetisch selbstbewusst liebende Donna Elvira, die trotz Enttäuschungen sich immer noch als die für Giovanni geschaffene Ehefrau wähnt und Hunderte von Kilometern diesem nachreist. Mit dramatischem Biss und sicheren Höhen wurde sie ein Motor der Handlung.

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Don Giovanni
© Christina Iberl

Zerlina ist ein Bauernmädchen, das gerade Hochzeit feiern will mit dem etwas einfältigen Masetto. Obwohl Don Giovanni die Hochzeitsgesellschaft mit Schinken und Wein betäubt und Leporello Masetto ablenkt, hält Zerlina mit Raffinesse noch am meisten Distanz zu Giovanni, versucht gar Masetto zu verleiten, sich etwas von Giovannis Verführungskünsten abzuschauen. Hannah Gries war diese zauberhafte Zerlina, die die hohe Kunst der Leichtigkeit souverän beherrschte. Mark Hightower sang und durchlitt den temperamentvollen und bauernschlauen Masetto. Famos und überschwänglich gestaltete der Chor des Staatstheaters das bäuerliche Leben rund um die Protagonisten; turbulent und lebendig geriet die Ball-Szene mit den auftrumpfenden Kontratänzen.

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Don Giovanni
© Christina Iberl

„Ich betrüge sie aus reiner Liebe.“ Dass es trotzdem gerade jetzt nicht recht funken will mit Giovannis Liebesabenteuern, verkörperte vollendet Shin Taniguchi in der Titelpartie. Stimmlich herausragend, ein Chamäleon in Verführungskünsten, rastloser Zyniker und Rebell, kein Effekt zu dick aufgetragen: einer der sich jede Freiheit nimmt. Taniguchi ging vollendet auf in dieser Rolle, in der er das finale Nachtmahl mit dem Komtur (klangedel Keith Klein als Gast aus dem Jenseits) noch einmal instinktiv auslebte. Und auf Verurteilung der zwölfköpfigen Richterschar, wie Klone des Komturs aus einer Traumwelt, beim Dies Irae seine Fahrt zur Hölle antreten muss: eine feurige Hand wächst aus dem Folianten, zieht Don Giovanni in die verschlingende Tiefe. Ein hinreißendes Erlebnis dank Horstkottes detaillierter Personenführung und Mozarts unnachsichtig charakterisierender Musik, bei der auch die großen Ensembles an den Aktschlüssen in ihrer sensiblen Abstimmung überzeugten!

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