Als Mahler seine Sechste Symphonie komponierte, schrieb er in einem Brief, das Werk werde Rätsel aufgeben. Die „Tragische“ schließt nicht wie die meisten anderen seiner Symphonien mit einer Jubelorgie, sondern mit einem pessimistischen Schlag. Semyon Bychkov hat sich mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig daran gemacht, die Rätsel der Sechsten Symphonie zu lösen – mit Erfolg.

Semyon Bychkov © Sheila Rock
Semyon Bychkov
© Sheila Rock

Gustav Mahler fordert für sein Werk einen riesenhaften Apparat an Schlagwerk, der neben acht Pauken unter anderem auch Herdenglocken, Xylophon und einen Hammer vorsieht. Mit zwei Hammerschlägen – bei der Uraufführung 1906 sind es noch drei – soll Gustav Mahler persönliche Schicksalsschläge vorausgeahnt haben. Das kann man natürlich glauben oder nicht, dennoch ist seine Sechste trotz ihres klassischen Aufbaus ein weiterer Schritt zur Aufgabe des altbekannten musikalischen Vokabulars.

 

Bychkov begann den ersten Satz mit forschem Tempo, das er in der gesamten Symphonie übernahm. Besonders die Marschrhythmen, die Mahler in der Partitur „mit roher Kraft“ fordert, bekamen dadurch einen energischen Charakter. Den dunklen Klang der Philharmoniker wusste Bychkov in den tiefen Streichern hervorragend auszunutzen und variierte die Klangfarben mit den Einwürfen der verschiedenen Instrumentengruppen. Begannen die Holzbläser im Forte, nahm er sie gegen Ende der Phrase zum Beispiel wieder zurück, sodass die verwobenen Themen an Klarheit gewannen.

Dem ersten Satz folgte in dieser Aufführung das Scherzo, das Mahler in seinem Manuskript zur Symphonie als dritten Satz festlegte, aber vor der Uraufführung umstellte. Später kehrte er zur ersten Version zurück; dennoch fügt sich das Scherzo musikalisch an den Kopfsatz an, da es die Marschrhythmen gleich zu Beginn wieder übernimmt. Mit den Xylophonklängen erscheint der zweite Satz wie ein Totentanz, den Bychkov mit gleicher Energie wie im ersten Satz interpretierte. Nahtlos ging er in die kurzen lyrischen Passagen des Scherzos über, die bereits auf das Andante voraus deuten. Das Andante moderato, das ähnlich zu dem berühmten Adagietto aus Mahlers Fünfter Symphonie große lyrische Bögen und schwelgerischen Ausdruck darbietet, bildet als dritter Satz vor dem halbstündigen Finalsatz ist ein Ruhepunkt. Nach den ersten beiden Sätzen schöpfte Bychkov die Klangvielfalt des Satzes aus, verlor sich aber dabei nicht in Details - ebenso wenig im Finalsatz, in dem er die Philharmoniker zielsicher zu den Höhepunkten des Satzes leitete. Die expressiven Orchesterausbrüche dirigierte Bychkov schonungslos zu Ende und hielt so die emotionale Kurve des Finales aufrecht.

Bychkovs Interpretation von Mahlers Sechster Symphonie hielt sich nicht am Kleinteiligen auf, sondern behielt immer den großen Bogen im Blick. Mit seinem präzisen Dirigat stellte er eine gewisse Stringenz her, unter der die Musik keinesfalls litt: Durch seine genaue Ausarbeitung der Dynamik blieb der Klang flexibel. Die Münchner Philharmoniker dehnten diesen portioniert an den dafür vorgesehenen Stellen zum Fortissimo aus, doch lärmten dabei nicht. Mit den zwei Hammerschlägen auf den Höhepunkten des letzten Satzes stellte Bychkov mit unerbittlicher Härte die Ausweglosigkeit dar.

Die Philharmoniker, die mit ihren hervorragenden Solisten bestachen, beeindruckten auch im Kollektiv mit größtmöglicher Homogenität. Die Bandbreite an Farben, die dem Orchester zur Verfügung steht, stellten unter anderem die Hörner stellvertretend dar. Im Scherzo und im Finale erklangen sie mit kratzigen, expressiven Ausbrüchen, während sie im Andante den lyrischen Bogen trugen. Die Streicher überzeugten in ihren lyrischen Passagen besonders mit ihrem strahlenden, edlen Klangbild.

Bychkov und die Münchner Philharmoniker interpretierten Mahlers tragische Symphonie ohne unnötigen Pomp und schafften es dabei trotzdem, die nötige Emotionalität des Werkes zu erkennen; das pessimistische Ende wirkte auch nach dem Schluss nach. Dies ist keine Symphonie, die Hoffnung weckt.