Wie oft ist reine Orgelmusik in der Philharmonie Berlin zu hören? An diesem Abend konnte man zunächst den Spieltisch der Orgel in der Mitte der Bühne anschauen. Es war schon außergewöhnlich – auch verwirrend –, dass ein Konzert mit einem Orgelstück solo beginnt. Christian Schmitt kam bescheiden auf die Bühne, setzte sich an den Spieltisch und begann behaglich mit Max Regers Spätwerk Fantasie und Fuge im piano pianissimo. Man schafft es nicht, dieses riesige Instrument allein zu steuern, für das Einstellen der Dynamik am Schwellkasten bekam er daher Unterstützung von seiner Notenwenderin. Max Reger, für den Johann Sebastian Bach ein großes Vorbild war, komponierte das Stück für Orgel solo in der traditionellen Gattung „Fantasie und Fuge“, was vor allem dank der raffinierten Phrasierung von Christian Schmitt ein gelungener Auftakt des Abends war.

Genia Kühmeier und die Bamberger Symphoniker © Kai Bienert
Genia Kühmeier und die Bamberger Symphoniker
© Kai Bienert
Da als nächster Programmpunkt Richard Strauss’ Vier letzte Lieder für Sopran und Orchester geplant waren, gab es eine kurze Pause mit einem großen Umbau der Bühne. Das Programm hatte eine durchdachte Reihenfolge, in der Strauss’ Musik eine Achse ausmachte, um Max Reger und Helmut Lachenmann, dessen Komposition zuletzt erklang, zu verknüpfen. Auch Lachenmann hatte wie Reger großes Interesse am Werk des großen Spätromantikers Richard Strauss. Max Reger widmete ihm Fantasie und Fuge, Lachenmann wiederum stellte seinem Stück Ausklang erstmals 2005 bei einem Konzert in Luzern Strauss´ Alpensymphonie gegenüber.

Die Vier letzten Lieder, Vertonungen von Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Einchendorf, wurden 1948, ein Jahr vor dem Tod des Komponisten, geschrieben. Da die Sopranistin Christine Schäfer erkrankt war und ihren Auftritt kurzfristig absagte, sprang Genia Kühmeier gekonnt ein. Sie nahm die Lieder, in denen es eine starke romantische Spur gibt, als arglose Komposition an und sang diese eher fein und kammermusikalisch anstatt kraftvoll mit Vibrato. Ihr wunderschönes Melisma erreichte beim Stück „Beim Schlafengehen“ einen Höhepunkt. Im Vergleich zur behutsamen Interpretation Kühmeiers hatten die Bamberger Symphoniker eine andere musikalische Vorstellung dieser Gesangsstücke. Das Spiel des Orchesters war sehr kühn wie bei einer symphonischen Dichtung oder einer Oper von Strauss, wobei der mächtige Orchesterklang die zarte Sopranstimme ab und zu überdeckte.

Pierre-Laurent Aimard, Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker © Kai Bienert
Pierre-Laurent Aimard, Jonathan Nott und die Bamberger Symphoniker
© Kai Bienert

Helmut Lachenmann, einer der bedeutenden Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, war selbst an diesem Abend im Konzertsaal anwesend und präsentierte seine Musik Ausklang für Klavier mit Orchester. Die Komposition wurde zwar vor 30 Jahren geschrieben, aber hinterließ immer noch einen frischen Eindruck bei den Zuhörern. Die Bläser spielten ohne direkten Kontakt zwischen Lippen und Mundstück – oder ohne Mundstück –, dadurch entstanden tonlose Luftgeräusche. Wischbewegungen der Streicher, Hammerschläge gegen die Spreizen des Klaviergehäuses, Klappengeräusche der Bläser usw. produzierten eine Vielfalt von perkussiven Klängen. Alles in allem war es eine Art zu spielen, wie man es in der Zeit von Strauss und Reger nicht kannte. Pierre-Laurent Aimard, bekannt für seine Interpretationen zeitgenössischer Musik, spielte mit großer Hingabe. Seine präzise Pedalbearbeitung erzeugte einen wahrhaft perfekten Ausklang. Jonathan Nott führte die Bamberger Symphoniker mit einem augenfälligen Dirigat und lenkte das Orchester mit viel Geschick durch die zahlreichen ataktischen Einsätze. Extrem ausgefallene Klangereignisse erschienen dem Publikum manchmal witzig und man hörte es zwischendurch Kichern – man hatte Spaß beim Hören.

Besonderer Besuch: Helmut Lachenmann © Kai Bienert
Besonderer Besuch: Helmut Lachenmann
© Kai Bienert

Reger, Strauss und Lachenmann, deren Musik in ihrer sowie in der heutigen Zeit als besonders individuell angesehen wurde, hörte man an diesem Abend auf einmal, sogar in verschieden Gattungen. Dieses Allerei-Programm hätte auf die Zuhörer wie ein rotes Tuch wirken und sie verwirren können, aber der Konzertabend war ein Erfolg. Die beteiligten Musiker beeindruckten und überzeugten das Publikum. Es war wie ein musikalisches Abenteuer – mit einem Sicherheitsseil, bestehend aus Hochleistungs-Musikern.