Am vorletzten Tag des Musikfestes Berlin 2014 wurden zwei völlig verschiedenartige Konzerte zu fast derselben Zeit am selben Ort, der Philharmonie, gegeben. Einerseits führten Sir Simon Rattle und Berliner Philharmoniker die Symphonien von zwei großen Romantikern, Robert Schumann und Johannes Brahms, im großen Saal auf. Andererseits präsentierte Enno Poppe mit dem Ensemblekollektiv Berlin die Wiederaufnahme der Gesamtaufführung seines musikalischen Projektzyklus Speicher, 2013 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt, im kleineren Kreis des Kammermusiksaals. Wie sein künstlerischer Mentor Friedrich Goldmann (1941–2009) ist Enno Poppe nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent aktiv. An diesem Abend griff er selbst zum Taktstock und führte die Musiker eigenhändig zur klanglichen Verwirklichung seiner Musik.

Enno Poppe dirigiert das Ensemblekollektiv Berlin © Kai Bienert
Enno Poppe dirigiert das Ensemblekollektiv Berlin
© Kai Bienert

Enno Poppes Speicher besteht aus sechs Stücken, welche der Komponist von 2008 bis 2013 beiläufig weiterentwickelte, denn Speicher II beispielsweise entstand später als Speicher III und IV. In diesem Zyklus ist die Philosophie des Komponisten Enno Poppe – „Musikalische Phänomene sind nie abstrakt.“ – in verschiedener Art und Weise zu spüren. Dank der außerordentlichen Leistung des Ensemblekollektivs Berlin sind seine kompositorischen Ideen und die Musiksprache, welche sich verdichtet, ausdünnt, beschleunigt und verbreitet, eindeutig wahrzunehmen. Wie bei der Absoluten Musik der Romantik geht es bei dieser Komposition um das musikalische Dasein an sich, wobei  die Semantik oder Semiotik der Musik nicht von Belang ist.

Der Missbrauch vieler Glissandi oder vieler Vibrati ist gelegentlich ein Tabu, insbesondere bei den Streichern, aber bei Poppe sind sie ein wichtiger Teil seines Werks. Jeder Einsatz, jede spezifische Spielweise, jede Dynamik hatten Bedeutung und erzeugten so immer intentionale Klänge. Die Musik war immer los!

Auch Mikrotonalität spielt eine wesentliche Rolle in dieser Musik, und verlangt beispielsweise, dass sieben Saiten der Harfe einen Viertelton tiefer als üblich gestimmt sind. Dadurch entstand eine fortgeschrittene Dissonanz, die keineswegs in einem temperierten Tonsystem vorkommt. Darüber hinaus löste das dauernd wechselnde Metrum das Taktgefühl auf und befreite die Musik vom Taktsystem. Die üblichen musikalischen Systeme wurden in Enno Poppes Musik zerlegt und es ergaben sich neue musikalische Normen. Er stellt sich den Verbindlichkeiten der Musiktradition entgegen, was zu einem kakophonen Klangbild führte, das aber der Euphorie des musikalischen Ausdrucks entsprang.

Die Musik ist keineswegs für Orchester, sondern für Ensemble komponiert. Die von Enno Poppe ausgewählte Besetzung ist einem Kammerorchester zwar ähnlich, aber in diesem Fall handelt es sich eher um ein auf sein Werk zugeschnittenes Ensemble. Das Ensemblekollektiv Berlin ist aus  vier Berliner Musikgruppen – Ensemble Adapter, Ensemble Apparat, ensemble mosaik und Sonar-Quartett – zusammengesetzt und  hat sich als große Besetzung auf das Spiel zeitgenössischer Musik spezialisiert. Die Mitglieder des Ensemblekollektivs Berlin bewältigten hervorragend das mikrotonale und metrisch komplizierte Spiel, wobei die gewöhnliche temperierte Intonation in der Musik nicht mehr vorkommt, aber ihre Klänge trotzdem angenehm und sympathisch waren.  

Von Speicher I bis Speicher VI wurden ohne eine Pause durchgespielt. Dadurch unterschieden sich die hintereinander gespielten Stücke nicht mehr und bildeten ein großzügiges Werk. Wie Enno Poppe versprach, dass „das Stück immer weitergeht und interessant bleibt“, langweilte man sich nicht im Geringsten in diesen circa 75 Minuten. Die Zeit verging wie im Fluge und bescherte allen einen spektakulären Augenblick, die Aufführung war phänomenal!

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