Jewgeni Kissin © Felix Broede | EMI
Jewgeni Kissin
© Felix Broede | EMI

Er zählt sicherlich zu den ganz Großen seines Fachs: Jewgeni Kissin. Zuletzt gastierte er in der Hamburger Elbphilharmonie und präsentierte zusammen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock das Klavierkonzert Nr. 2 von Béla Bartók. Leider konnte der russische Pianist dabei nicht an allen Stellen überzeugen. Sein zweifellos höchsten Ansprüchen genügendes Spiel musste Kissin von Anfang an in Gänze ausspielen: Die wahnwitzigen Läufe und rasanten Tonwechsel meisterte er denn auch solide, konnte jedoch wenig emotionale Tiefe offenbaren. Berührend gestaltete er den zweiten Satz, allerdings lebte dieser insbesondere von den hervorragend abgestimmten Streicherklängen, die im Stil eines Chorals den Satz durchzogen. Im Finale schließlich konnte Kissin wieder mit hoher Fingerfertigkeit beeindrucken, verlor jedoch hier abermals den interpretatorischen Faden merklich. Dem Orchester bot sich ob der raumgreifenden Virtuosität im Solistenpart wenig Gelegenheit, selbst mit großem Können zu glänzen. Gerade zu Beginn des Konzerts passte zudem nicht alles gänzlich zusammen, hier wäre eine ordnendere Hand des Dirigenten sicherlich wünschenswert und vor allem hilfreich gewesen. Dass Kissin tatsächlich zu den Besten einer ganzen Pianistengeneration gehört, offenbarte er erst in seiner Zugabe, einer Meditation von seinem Landsmann Tschaikowsky, in der er den Flügel singen und klingen ließ und sich in der so feinen Akustik der Elbphilharmonie sichtlich wohlfühlte.

Die zweite Konzerthälfte hatte Gustav Mahlers Symphonie Nr. 1 zum Gegenstand, und zwar in der sogenannten Hamburger Fassung. Bereits 2014 hatte Thomas Hengelbrock gemeinsam mit „seinem“ NDR Elbphilharmonie Orchester – erstmals nach rund 120 Jahren! – diese Version der Symphonie wieder zum Klingen gebracht und sogleich auch auf CD eingespielt. In den letzten Jahren hat sich das Orchester intensiv dem symphonischen Schaffen Mahlers gewidmet und insbesondere mit seinem Chefdirigenten zuletzt nach und nach beinahe alle Symphonien auf der Bühne präsentiert. Die anhaltend enge Zusammenarbeit mit dem ausgewiesenen Mahler-Experten und ehemaligen Orchester-Chef Christoph Eschenbach hat dabei sicherlich ein Übriges zur Expertise des Ensembles im Umgang mit Mahlers Werken beigetragen. Hengelbrock setzte in seiner Interpretation am vergangenen Donnerstag auf zügige Tempi und kontrastreiches Musizieren.

Herrlich leise und wie aus dem Nichts hervor klingend ließen die Ausführenden die Symphonie beginnen. Was Julius Heile im Programmheft so treffend als „Weltentstehungsmusik“ bezeichnet, ließ Hengelbrock tatsächlich musikalische Gestalt werden: Die einzelnen Motive der Bläser – Fanfarenklänge des Blechs und Vogelrufe im Holz – konnten sich frei entwickeln und sich nach und nach aus dem Klangteppich der Streicher herauslösen. Das aus dem Mahler-Lied „Ging heut' morgen übers Feld“ entlehnte erste Thema war dann von erfrischender Leichtigkeit geprägt, die im gesamten ersten Satz erhalten bleiben sollte. Die hervorragende Präsenz in den Holzbläsern bildete dabei einen angenehmen Gegensatz zu den kernig aufspielenden Streichern. Als derber Volkstanz gestaltete sich der zweite Satz. Mahlers Satzbezeichnung „Kräftig bewegt“ wurde dabei sehr wörtlich genommen und zog ein vorwärts treibendes Tempo nach sich, das jedoch nie gehetzt wirkte. Das langsamere Trio präsentierte einen typischen langsamen Walzer, der – ganz Mahler – bisweilen einen keck-überspitzten Ton hatte. Im folgenden dritten Satz mit der berühmt gewordenen Parodie auf den Kanon „Bruder Jakob“, den der Komponist als Trauermarsch verstanden wissen wollte, wählte Hengelbrock ein vielleicht etwas zu schnelles Thema, das den Marschcharakter bisweilen vergessen ließ. Zu loben sind hier die Stimmführer, allen voran Solo-Kontrabassist Michael Rieber, die allesamt eine tadellose Interpretation des „Bruder Jakob“-Fugatos ablieferten. Wie aus der Vergangenheit in Form einer Reminiszenz aufklingend gelang das neuerliche Eigenzitat aus dem Gesellen-Lied „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ in der Mitte des Satzes.

Der infernalisch hereinbrechende letzte Satz war interpretatorisch von großer Dichte: Das immer wieder aufklingende Choral-Thema hat Mahler selbst in der Hamburger Fassung in nach und nach gesteigerter Dynamik vorgesehen – ein deutlicher Unterschied zur späteren Fassung letzter Hand. Dies nutzten Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester gekonnt aus, um einen großen Spannungsbogen zu erzeugen. Ein Konzept, das hervorragend aufging, wenngleich die sieben Hörner den Satz hindurch merklich Schwächen zeigten und an der einen oder anderen Stelle mit Ansatz- und Intonationsproblemen zu kämpfen hatten. Erfreulich präsent waren hingegen Trompeten und Posaunen sowie das Schlagwerk, das dem Satz zu seiner äußerst homogenen Klangfülle verhalf. Insgesamt gelang eine stringente Interpretation von Mahlers Erstling, dessen Finalsatz zweifelsohne der krönende Abschluss für einen virtuosen Konzertabend bildete.

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