Nein, diese Oper ist kein Meisterwerk. Oberto, Conte di San Bonifacio ist die früheste vollendete Oper von Giuseppe Verdi , doch sie ist musikalisch gut gemacht. Als Erstlingswerk dokumentiert sie vorrangig Verdis Vorbilder und nur im Keim seine spätere Größe. Es gibt zu Genüge melodisch einschmeichelnde Arien, ausgedehnte Chornummern und dramatisch zugespitzte Finali, mit denen der 25-jährige Komponist - ganz im Stil der herrschenden Belcanto-Tradition - bei der Uraufführung an der Mailänder Scala durchaus reüssieren konnte.

Kihwan Sim (Oberto), Jader Bignamini mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester © Wolfgang Runkel | Oper Frankfurt
Kihwan Sim (Oberto), Jader Bignamini mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester
© Wolfgang Runkel | Oper Frankfurt

Was uns am reifen Verdi so fasziniert, seine große Kunst, durch Musik Personen und Situationen dramatisch und fesselnd zu schildern, deutet sich in Oberto erst an. Dies ist sicher einer der Gründe, warum das Werk im Repertoire von Verdis Opern nur ein Schattendasein fristet, aber gleichzeitig Grund genug für die Frankfurter Oper, es in dieser Saison ins Programm zu nehmen und damit „das Genie Verdis in statu nascendi“ zu zeigen.

Am Pult stand der junge Italiener Jader Bignamini, der mit diesem Dirigat an der Frankfurter Oper sein Deutschlanddebüt gab. Schon die ersten Takte der Ouvertüre, noch traditionell Sinfonia betitelt, machten klar: Hier nimmt ein Dirigent auch diese Partitur Verdis überaus ernst, lotet sie aus bis ins kleinste Detail und vermag die Musik so zu großer Wirkung zu bringen. Das Orchester ließ sich von diesem Engagement anstecken; es spielte überaus konzentriert, flexibel und klangschön. Besondere Glanzpunkte setzten immer wieder die Bläser; das Blech präzise im Ansatz und brillant im Klang, das Holz solistisch prägnant hervortretend und anschmiegsam an die melodische Linie. Den dankbaren Chornummern, meist atmosphärische Stimmungsbilder in leicht eingängiger Melodik, nahm sich der Frankfurter Opernchor hörbar mit Hingabe an.

Wenn man einmal von der Nebenrolle einer Dienerin absieht, die vielleicht etwa 20 Takte zu singen hat (sehr zuverlässig: Karen Vuong), beschränkt sich das (übrigens schwache) Libretto auf vier Personen. Die Titelfigur Oberto, ein verbannter Adliger, hält an einer Forderung nach einem Duell fest, wobei er selbst getötet wird. Der Grund dafür ereignet sich vor dem Zeitfenster der Oper: Obertos Gegenspieler Riccardo hat dessen Tochter Leonora verführt, lässt sie aber wieder fallen, um Cuniza zu heiraten, weil er sich davon mehr Macht verspricht. Letztere traut seinen Liebesschwüren (zu Recht) nicht so ganz und als sie (von Leonora) von Riccardos Treuebruch erfährt, verzichtet sie auf die geplante Hochzeit zugunsten Leonoras. Diese kann aber ihren Drang nach Rache an Riccardo nicht unterdrücken, zumal er am Schluss im Duell ihren Vater tötet. Riccardo jedoch bereut die Tat, überlässt all sein Hab und Gut Leonora und geht ins Exil; die Verlassene jedoch entschließt sich, wie so oft in derartigen Opern, für ein Leben im Kloster.

Schwierig, aus einer derartigen Story um Liebe und Verrat, Ehre und Vergeltung aus dem italienischen Mittelalter eine schlüssige Inszenierung zu basteln, doch Frankfurt wählte diese Oper für die konzertante Aufführung, die traditionell in jeder Spielzeit auf dem Programm steht. Umso mehr jedoch steht und fällt ein derartiges Projekt mit den Solisten. Groß angelegte Arien hat Verdi für die vier Protagonisten geschrieben und an zentraler Stelle ein Quartett, in dem die Gefühle jeder Figur kulminieren. Gerade an dieser Stelle erwies sich das Ensemble aus zwei Ensemblemitgliedern und zwei Gastsolisten leider als nicht homogen genug, zu unterschiedlich kraftvoll waren die Stimmen.

In der Tenorrolle brillierte Sergio Escobar solistisch mit wahrer Trompetenstimme, aber nicht ohne Druck in der Höhe und war gerade auch in den Ensembles zu laut. Claudia Mahnke brachte für die Partie der enttäuschten Cuniza an den Ensemblestellen stimmlich nur mit Mühe genug Volumen auf, um sich besonders gegen die Übermacht des Tenors zu behaupten. Dagegen gelang es ihr in ihren Arien, ihre Partie im Ausdruck differenziert auszugestalten. Maria Agresta zog in der Rolle der Leonora in der großen Szene und Arie im 2. Akt, in der die verzweifelte Tochter sich selbst die Schuld am Tode des Vaters gibt, alle Register ihres Können – ein furioses Finale, mit dem Verdi effektvoll die Oper enden lässt. Rundum überzeugen konnte Kihwan Sim aus dem Frankfurter Ensemble in der Titelrolle. Mit schönem Timbre, elegantem Legato und sensibel gesetzten Ausdrucksnuancen setzte der junge Sänger einen der Glanzpunkte dieser Aufführung und bestätigte so einmal mehr, dass die Ehrenrettung der Frankfurter Oper für Verdis Jugendwerk insgesamt durchaus gelungen war.