"I woaß, wia guat se zu mir san." Nein, besonders wohlklingend ist er wirklich nicht, der oststeirische Dialekt. Dadurch eignet er sich aber umso besser, um die Wandlung vom Blumenmädchen zur Lady zu illustrieren. Frederick Loewes My Fair Lady, die wohl irgendwo im Grenzgebiet zwischen Operette und Musical angesiedelt ist, erweist sich in Graz ohnehin als Dauerbrenner; So bringt es diese Inszenierung immerhin schon auf 42 Vorstellungen seit der Premiere im Jahr 2008. Die ungebrochene Begeisterung des Publikums ist auch nicht weiter verwunderlich, besticht Michael Schilhans recht klassisch gehaltene Inszenierung in naturalistischem Bühnenbild doch durch Detailreichtum und Witz und bietet einen idealen Rahmen für ein spielfreudiges Ensemble.

© Werner Kmetitsch
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Der Trumpf des Abends ist Sieglinde Feldhofer in der Rolle der Eliza Doolittle. In derbstem Oststeirisch beleidigt sie die Ohren von Professor Higgins, den sie hier passenderweise am Kaiser-Joseph-Markt vor der Grazer Oper kennenlernt. Die Lacher hat die Sopranistin dabei dank ihres komödiantischen Timings von Anfang an auf ihrer Seite und auch das Mitleid des Publikums gehört durch ihr aufrichtiges Spiel ganz ihr, wenn Higgins die arme Eliza noch bis drei Uhr früh mit dem Grün von Spaniens Blüten quält. Und auch ihre reine Stimme, die zwar nicht unbedingt durch Volumen und Durchschlagskräftigkeit glänzt, verleiht dem anfangs derben Blumenmädchen zunächst eine sanfte und später sogar damenhaft elegante Facette. Feldhofer gestaltete die Partie mühelos mit warmen Höhen, farbenreichen Nuancen und der nötigen Portion Unverdorbenheit in Stimme und Spiel und erweckte die Figur so zu sprühendem Leben. Herrlich auch ihr Zusammenspiel mit den Bühnenkollegen, allen voran Guido Weber als Henry Higgins, dem sie bis zum Schluss immer schnippisch und selbstbewusst gegenübertrat.

Guido Weber (Higgins), Sieglinde Feldhofer (Eliza) © Werner Kmetitsch
Guido Weber (Higgins), Sieglinde Feldhofer (Eliza)
© Werner Kmetitsch
Den besserwisserischen Tyrannen verkörperte Weber mit trockener Ironie und weltmännischer Nonchalance in Darstellung und Sprache. Gesanglich wäre aus der Rolle sicher noch etwas mehr herauszuholen gewesen, denn leider wirkte er sobald er singen musste blasser als in den Dialogpassagen und ging auch stellenweise gegenüber dem Orchester unter. Dennoch überzeugte er trotz seines sehr trockenen Timbres und einigen umschifften Tönen letztendlich mit einer stimmigen Gesamtleistung, da er Higgins zwar herrlich uncharmant, aber dennoch im Kern liebenswert erscheinen ließ.

David McShane gab als Pickering den Gegenpol zum Professor und spielte den Oberst als väterlichen sowie gütigen Mann der besseren Gesellschaft; Zwar war es schade, dass er nicht viel mehr als zwei Zeilen zu singen hatte, dafür konnte er mit gezielten Pointen für Lacher sorgen. Gleichsam positiv auffallen konnten in ihren Sprechrollen Fran Lubahn als um das wohl Elizas besorgte Haushälterin Mrs. Pearce, die immer im richtigen Moment eine verbale Spitze in Richtung Higgins parat hatte, und Uschi Plautz als ebenso exaltierte wie erfrischende Mrs. Higgins, die mit ihrem Sohn wahrlich nicht das leichteste Los gezogen hat. Singen (und schmachten) durfte hingegen der Freddy Eynsford-Hill von Martin Fournier. Als irgendwie nicht ganz ernst zu nehmender Charakter zeltete er aus Liebe zu Eliza sogar vor Higgins Haus, gestaltete ein sehr sicheres, wenn auch nicht vor Schmalz triefendes „Weil ich weiß, in der Straße wohnst du“ und klang dabei dunkler im Timbre und lockerer in der stimmlichen Gestaltung, als ich ihn in dieser Rolle in Erinnerung hatte. Nicht ganz so locker, was seine Gesangspartie anging, stemmte Gerhard Ernst stellenweise unsauber und angestrengt die Schlager des Alfred P. Doolittle. Dennoch überzeugte er mit beeindruckender Hingabe und Präsenz, animierte das Publikum zum Mitklatschen und begeisterte es durch sein Spiel und seine sichtbare und hörbare Freude an den mitreißenden Melodien.

© Werner Kmetitsch
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Diese Freude war es auch, die sich insgesamt durch den ganzen Abend zog und von den Hauptrollen über den Chor bis hin zu den kleinsten Rollen jeden auf der Bühne und auch die Musiker im Orchestergraben zu erfassen schien. Denn ebenso schwungvoll wie die Sänger und Schauspieler ihre Partien anlegen, gestaltete Leonhard Garms am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters den Abend. Mit Verve und vollem Einsatz - herrlich zu beobachten war etwa sein angedeutetes Mittanzen bei Alfred P. Doolittles Schlager "Hei, Heute morgen mach ich Hochzeit" - swingte er mit den Musikern durch den Abend; Er schuf dabei einerseits eine zuckerwattige Orchesterwolke für die Sänger und andererseits ausladende Bögen in den orchestralen Zwischenspielen. Stilistisch blieb er eindeutig näher an süßen und streicher-schwelgenden Operettenklängen, als man Loewes Werk sonst oft zu hören bekommt, was aber zumindest meinen Geschmack genau getroffen hat. Und auch wenn My Fair Lady mit dem Schlusssatz "Eliza, wo sind meine verdammten Pantoffeln?" das Rennen um das seltsamste Happy-End der Bühnengeschichte mit Abstand gewinnt, ist das Publikum nach kurzweiligen drei Stunden doch bestens gelaunt. 

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