„Und es eskaliert, die Verwandtschaft rastet aus” – so beginnt der Refrain eines österreichischen Weihnachtshits, und was gibt es Weihnachtlicheres als eine Familie, die ausflippt und einander nach dem Leben trachtet? Das hat sich ganz offensichtlich auch die Wiener Staatsoper gedacht, die als letzte Vorstellung vor dem Heiligen Abend (möglicherweise mit Freud’schem Augenzwinkern) Richard Strauss’ Elektra angesetzt hat; mit dem praktischen Nebeneffekt, dass die am nächsten Tag zuhause wartende Sippschaft inklusive des bevorstehenden Familienfests plötzlich ziemlich harmlos wirkt.

Noch mehr als die dysfunktionale Familiendynamik – die in dieser Wiederaufnahmeserie durch exakte Personenregie und starke schauspielerische Leistungen besonders deutlich wurde – beleuchtet Harry Kupfer in seiner Inszenierung den Teufelskreis autoritär geführter Staaten, die immer wieder in das gleiche Muster zurückfallen. Rund um die gestürzte Statue Agamemnons siedelt der Regisseur die Handlung an und so richtig kann sich niemand in diesem System von der überlebensgroßen Führer-Figur loslösen, weshalb es als logische Konsequenz erscheint, dass schließlich Orest das entstandene Machtvakuum nutzt und in die Fußstapfen des Vaters tritt.

Psychologisch komplex interpretierte Aušrinė Stundytė die Titelheldin; ihre Elektra ist nicht bloß eine von Rachegelüsten zerfressene Frau, sondern vor allem eine verzweifelte und traumatisierte Tochter. Diese Herangehensweise machte sie auch stimmlich deutlich und setzte besonders stark auf jene Nuancen und Farben, die die Fragilität und die inneren Dämonen der Figur betonen, was wohl auch daran liegen dürfte, dass ihrer Stimme für einige der hochdramatischen Passagen die nötige Durchschlagskraft fehlt.
Im besten Sinne des Wortes routiniert ist Camilla Nylund als Chrysothemis, die die Rolle in Wien in den letzten fünf Jahren nämlich in beinahe jeder Aufführungsserie gesungen hat. Mit glühender Inbrunst ließ sie die Figur von einem Leben außerhalb der Palastmauern träumen und beanspruchte ihren Sopran dabei nie über Gebühr, sondern achtete auch bei dramatischen Aufwallungen stets darauf, die Gesangslinie elegant und klar zu halten und Wohlklang zu versprühen.

Der Hauptgrund für das auffallend große Publikumsinteresse an dieser Elektra-Aufführung war aber zweifelsohne Nina Stemme, die – nach vielen Jahren Erfahrung als Elektra – in dieser Vorstellungsserie nun erstmals als Klytämnestra zu erleben war. Und natürlich muss man so ehrlich sein und erwähnen, dass sie in der exponierten Tiefe nicht so dunkel gurren kann, wie ein echter Mezzosopran, aber wie detailliert sie die Rolle gestaltete, war großes Kino: keine keifende Furie ist diese Klytämnestra, sondern eine von den Schicksalswirrungen gezeichnete Frau; ebenso legte Stemme die vokale Gestaltung phasenweise regelrecht sanft an und arbeitete alle widerstreitenden Facetten des Charakters mit vielschichtigen Klangfarben heraus. Und auch schauspielerisch beherrschte sie in ihrer Szene die Bühne mühelos, denn ihre Präsenz machte die Klytämnestra zum Mittelpunkt des Geschehens.
Derek Welton changierte als Orest mit golden timbriertem, edel strömenden Bassbariton zwischen ehrlicher Rachelust und familiärem Pflichtbewusstsein. Ob dieser Orest nun wirklich aus Überzeugung die Herrschaft übernimmt, ließ er offen und verdeutlichte mit seiner stimmlichen Gestaltung auch diesen zentralen Zwiespalt der Figur packend: einerseits mit warmen Farben und nuancierter Dynamik in seiner Sorge um Elektra und andererseits mit kühlem, metallischen Kern in Anbetracht seines mörderischen Schicksals. Nicht den besten Tag hatten hingegen auf ganzer Linie die Mägde erwischt, die allesamt vor allem schrill und geifernd klangen, während die beiden Opernstudiomitglieder Ana Garotić und Maria Zherebiateva als Vertraute respektive Schleppträgerin ihre kurzen Auftritte gut nutzen konnten, um auf ihre stimmlichen Qualitäten aufmerksam zu machen.

Am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper setzte Dirigent Alexander Soddy bezüglich der dynamischen Gestaltung klar auf Sängerfreundlichkeit, ohne dabei aber auf klangliche Wucht zu verzichten. So entfaltete sich ein differenzierter und phasenweise durchaus orgiastischer Gesamtklang, der große Effekte ermöglichte und die dramatischen Zuspitzungen der Partitur eindrucksvoll unterstützte. In der Erkennungsszene zwischen Elektra und Orest nahm Soddy das Orchester beinahe lyrisch zart zurück und schuf so einen Moment berührender Intimität, dem eine gnadenlose Brutalität in der klanglichen Verdeutlichung jener von Tod, Gewalt und Misstrauen geprägten Welt der griechischen Tragödie gegenüber stand.





















