Die erste Hälfte des Konzerts der Pannonischen Philharmonie gehörte ganz Carl Orffs Carmina burana. Mein Eindruck war von Anfang an, dass die Besonderheiten der Victoria Hall dem Werk nicht zum Vorteil gereichten: der Saal ist lang, schmal und hoch, das Podium sehr in die Tiefe gebaut. Der Ungarische Festspielchor war im Hintergrund des Podiums platziert, während das Orchester am vorderen Rand der Bühne die ganze Breite bis unter die seitlichen Balkone einnahm. Das schaffte eine beträchtliche Distanz zwischen Singstimmen und Orchester.

Pannonische Philharmonie © Pina Hochstrasser
Pannonische Philharmonie
© Pina Hochstrasser

In den lauten, plakativen Stellen erzielte der Chor mithin eindrückliche Wirkung, doch in den deklamatorischen, rhythmisch geprägten Partien führte die Distanz zu zeitlichen Verschiebungen. Sie behinderte die so wichtige Bühnenpräsenz des Chors, ließ ihn oft wie einen Fernchor wirken. Es nahm dem Werk zudem einen Teil seiner rhythmischen Prägnanz. Die Verständlichkeit war den Umständen entsprechend gut, ebenso Tongebung und Diktion, einzig bei den Koloraturen hätte ich mir gelegentlich mehr Zwerchfell-Arbeit gewünscht. Höhepunkte beim Chor waren für mich der Beginn des Ecce gratum, Swaz hie gat umbe, Blanziflor et Helena und die Rahmenstücke O Fortuna.

Eine zentrale Rolle ist in den Carmina den drei Solisten zugedacht – die Partien sind allesamt stimmlich sehr anspruchsvoll. Der Bariton Jonathan Sells überzeugte durch gute Diktion, Intonation und Präsenz. Bei den meisten Nummern hätte ich mir etwas mehr Volumen vorgestellt, allerdings wandelte sich das Bild grundlegend beim Ego sum abbas. Als Sells einen betrunkenen Abt mimte, wirkte er wie verwandelt, nutzte seine ausgezeichneten schauspielerischen Fähigkeiten, und selbst seine Stimme schien aus sich herauszuwachsen: sowohl vollends überzeugend wie umwerfend komisch! Der polnische Tenor Jan Jakub Monowid muss in seiner einzigen Nummer praktisch durchgängig falsettieren – das ist sehr anstrengend, denn diese Partie des Schwans, der jetzt im Ofen schmort, soll als extreme Karikatur erscheinen. Monowid meisterte den Part mit gutem Timbre und Volumen, doch gab er sich zu sehr Mühe, die teils grotesken „Verzierungen“ sauber zu singen; gerade das war aber nicht beabsichtigt. Die polnische Sopranistin Katarzyna Jagiełło zeigte für mich die durchgehend überzeugendste Leistung mit ihrer klaren, tragenden Stimme, mit ausgezeichneter Stimmführung und Intonation.

Die Arbeit des Orchesters war im Allgemeinen sehr gut. Der Dirigent, Michael Zukernik, führte ohne Taktstock, kompetent, mit sparsamer Gestik, wählte eher gemäßigte Tempi, vermutlich, um die Koordination zu erleichtern. Leider kam dadurch der Aufführung manchmal etwas der Schwung abhanden (so im Tanz). Trotz der erwähnten Einschränkungen verfehlte Orffs Komposition ihren Effekt auf das Publikum nicht: es ist und bleibt ein Reißer im Repertoire.

Im zweiten Programmteil folgte Beethovens Neunte – eine Gelegenheit, die Arbeit des Orchesters genauer in Augen- und Ohrenschein zu nehmen. Das kleinere Instrumentarium in diesem Werk erlaubte es den Musikern, sich besser zu platzieren, was der Transparenz zugutekam. Mir gefiel der Streicherklang: klar, ausgewogen, nicht dominant; das Orchester spielte durchweg diszipliniert und konzentriert, engagiert und lebendig. Der einzige Makel im ersten Satz waren leichte Koordinationsprobleme vor der Coda. Zukernik dirigierte das Molto vivace im Scherzo mit dem von Beethoven vorgesehenen, schnellen Zeitmaß; nach den einleitenden Schlägen dauerte es einige Takte, bis die Streicher sich rhythmisch gefunden hatten. Zwar war auch später die Koordination nicht immer perfekt, dafür konnte man dann im heiter-verklärten Trio die ausgezeichneten, wohlklingenden Hornstimmen genießen.

Aufgrund der Länge des Programms wurden die Wiederholungen im Scherzo-Teil weggelassen. Leider nahm Zukernik das Adagio molto e cantabile extrem langsam, weitab von Beethovens Vorgaben. Er konnte zwar die Intensität einigermaßen halten, der Satz hatte aber durchaus Längen, auch wenn im Orchester ausgezeichnet musiziert wurde, mit schönen Kantilenen, sorgfältiger Artikulation und wunderbaren Holzbläser- und Hornstimmen. Der Dirigent schien den Klang mit den Händen formen, beinahe kneten zu wollen: seine Rolle war weit mehr als bloßes Taktgeben.

Der Schlusssatz bildete die Krönung des Konzertabends: das Orchester fand sich zu einer sehr guten Leistung, mit eindrücklichen Rezitativen in den Kontrabässen und gut differenzierten Stimmen in den Fugato-Partien. Hier glänzten auch die Vokalsolisten, durch die Altistin Kinga Dobay und den Tenor Sascha Kramer (anstelle von Jan Jakub Monowid) zum Quartett ergänzt. Der Bariton überzeugte schon im ersten Rezitativ auch ohne Zuhilfenahme komödiantischer Mittel, der Tenor gefiel im Türkischen Marsch mit tragender Stimme und einem angenehmen Timbre. Wo die Solisten als Quartett auftraten, war das Ensemble wunderbar ausgewogen, und es fiel auf, wie gut die wohlklingende Altstimme zum Sopran passte und sich gegen diese sehr wohl behaupten konnte.

Beim Ungarischen Festspielchor deuteten hier einzig einige fehlende Vokalansätze und die gelegentlich etwas wenig konturierte Aussprache an, dass es sich nicht um deutschsprachige Sänger handelte. Allgemein fand ich es erstaunlich, wie stark die Chorgemeinschaft bei Beethoven gewandelt schien, plötzlich über mehr Volumen verfügte, sich mit solidem Klang auch gegen das Orchester behauptete.