Eine bekannte Melodie nach der anderen erklingt bei Edvard Griegs 1876 uraufgeführtem Peer Gynt: Der Marsch der Trolle, die Morgenstimmung und natürlich Solveigs Lied - gehört haben sie wohl die meisten von uns schon mal irgendwo, aber die Chance, Griegs Bühnenmusik zu Henrik Ibsens gleichnamigem Versdrama in ihrer vollen Länge zu erleben, bietet sich auf Bühnen im deutschen Sprachraum dennoch selten.

Sunnyi Melles, Cornelius Obonya, Dirk Kaftan und Grazer Philharmoniker © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Sunnyi Melles, Cornelius Obonya, Dirk Kaftan und Grazer Philharmoniker
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Die Oper Graz brachte die Geschichte des durch die Welt irrenden Peer nun als Symbiose aus Musik und Lesung - mit einer Textmontage von Alain Perroux - auf die Bühne. Ohne Bühnenbild und ohne Kostüme wurden dabei dennoch norwegische Wälder und Berge, Trolle, marokkanische Wüstenstimmung, dubiose Hehler, wilde Abenteuer, heiße Liebschaften und eine ebenso treu wie vergeblich wartende Solveig zum Leben erweckt. Dass diese Welten bei der konzertanten Aufführung so lebendig wurden lag einerseits am plastischen Dirigat von Dirk Kaftan, andererseits an den beiden Burgschauspielern Sunnyi Melles und Cornelius Obonya, die an diesem Abend alle Register der Schauspielkunst zogen.

So stand, trotz aller musikalischen Aspekte, das Sprechtheater die ganze Vorstellung über unangefochten im Mittelpunkt, und obwohl praktisch keinerlei Bühneninteraktion stattfand, sondern die Texte lediglich gelesen wurden, hatte man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einer reinen Lesung beizuwohnen. Obonya lieh der Figur des Peer Gynt seine Stimme und gestaltete den unbekümmerten Jüngling ebenso überzeugend wie später den reuigen, gealterten in der Welt Umherirrenden. Eben jenen Alterungsprozess – und damit verbunden auch den Verlust der unbekümmerten Jugend – stellte er sowohl mit immer fahler werdender Stimme als auch an Kraft verlierendem Körper dar. Zum Ereignis des Abends wurde aber klar Sunnyi Melles in sämtlichen anderen Rollen. Stimme, Körper und Ausdruck changierten zwischen den verschiedensten Charakteren – von Peers würdevoller Mutter über die schüchterne Solveig bis hin zum schrillen, Schwyzerdütsch sprechenden Trollkönig verwandelte sie sich immer wieder und es war schlicht beeindruckend zu sehen, wie wenig Ausstattung es für ganz große Schauspielkunst braucht.

Sunnyi Melles © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Sunnyi Melles
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Die wenigen Gesangspartien, die Peer Gynt immer wieder auf seiner Reise begegnen, wurden fast alle aus dem Ensemble besetzt, mit Ausnahme der beiden Studenten der Musikuniversität Graz Neven Crnić und Martin Simonovski, denen die Mini-Partien des Hehlers und des Diebs anvertraut wurden. Die drei Sennerinnen wurden von Sieglinde Feldhofer, Sonja Šarić und Yuan Zhang wohltönend, gut harmonierend und mit der nötigen Spritzigkeit und Frische gestaltet; Dshamilja Kaiser ließ als feurige Anitra ihren Mezzo verführerisch strömen und Dariusz Perczak gestaltete die Serenade des Peer Gynt schmeichelnd und mühelos mit voll und warm timbrierter Stimme. Gesanglicher Glanzpunkt des Abends war die berührende Solveig von Tatjana Miyus: Mit einer großen Portion Melancholie und ihrem glockenhellen Timbre gelang es ihr, feine Klangfäden der großen Gefühle zu spinnen und Solveigs berühmtes Lied als inniges Warten voller Hoffnung zu verklanglichen.

An der Bildhaftigkeit dessen, was man auf der Bühne (nicht) zu sehen bekam, hatte neben Schauspielern und Sängern wie erwähnt auch das Grazer Philharmonike Orchester unter Dirk Kaftan großen Anteil. Gerade zu Beginn schien zwar nicht jeder Einsatz astrein zu sitzen und vor allem Blechbläser und Streicher waren nicht immer ganz in idealer Koordination, was sich aber schnell einpendelte. Die Reise führte zunächst durch eine herrlich folkloristische, norwegische Hochzeitsszene voll Heiterkeit und Lebenslust, um dann im nächsten Akt, wenn Peer Gynt bei den Trollen landet, dunkler und bedrohlicher zu werden. Herrlich zu beobachten war, wie sich Dirk Kaftan selbst in seiner Körpersprache am Pult beim Marsch der Trolle in eines der hinterlistigen Bergwesen zu verwandeln schien und dadurch das Orchester zu noch differenzierter Dynamik, Raffinesse und Trollartigkeit im Spiel anhielt.

Sunnyi Melles und Cornelius Obonya © Werner Kmetitsch | Oper Graz
Sunnyi Melles und Cornelius Obonya
© Werner Kmetitsch | Oper Graz

Sehr schön gerieten auch stets die elegischen Passagen und die große Traurigkeit, etwa beim Tod von Peers Mutter, der wunderbar schlicht und ergreifend geriet. Auch nach der Pause gelangen diese Wechsel, etwa zwischen feuriger Wüstensonne und der in Einsamkeit im kühlen Norwegen wartenden Solveig, mit großer Präzision und klanglicher Farbenreiche. Darüber hinaus sorgte Dirk Kaftan nicht nur für die ausgewogene Abstimmung von Orchester, Chor und Solisten, sondern behielt auch bei den gelesenen Passagen den vollen Überblick und schuf so tatsächlich makellose Übergänge zwischen Sprache und Musik, wodurch die beiden Komponenten zu einem Ganzen verwuchsen.

Das selten in seiner Gesamtheit zu erlebende Werk Edvard Griegs ist auf jeden Fall einen Besuch wert, und es ist, besonders angesichts des großen Publikumsinteresses, schade, dass der Premiere lediglich eine einzige weitere Vorstellung folgen wird.

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