Porgy and Bess ist trotz der mittlerweile fast 7500 verschiedenen Fassungen seiner Eröffnungsarie „Summertime eine in Europa eher selten aufgeführte Oper. Das liegt zum einen daran, dass Gershwin (und seine Erben) eine afroamerikanische Besetzung vorschreibt – nur drei Sprechrollen (Polizisten) sind von dieser Regel ausgenommen – andererseits ist das Libretto in der Gullah Sprache verfasst, einer englischen Kreolsprache mit afrikanischen Anteilen. Charleston, South Carolina, war bis zur Abschaffung des Sklavenhandels (1865) einer der wichtigsten Häfen im amerikanischen Sklavenhandel. Sklaven aus verschiedenen westafrikanischen Kulturen benutzten die Gullah Sprache, um miteinander zu kommunizieren. Sie wird dort auch heute noch von circa 300.000 Menschen gesprochen.

<i>Porgy and Bess</i> © Matthias Baus
Porgy and Bess
© Matthias Baus

Der Librettist von Porgy and Bess, Edwin DuBose Heyward (1889-1940), stammte aus einer verarmten ehemaligen Plantagenbesitzerfamilie in Charleston, und durch ihn hatte Gershwin Charleston und ihre Bewohner selbst kennengelernt. Die Wahl dieser Sprache verärgert bis heute viele Schwarzamerikaner, da sie aus Unkenntnis des historischen Hintergrundes meinten, als ungebildet porträtiert zu werden. In der Metropolitan Opera New York (Met) wurde diese uramerikanische Oper erstmals 1985, also 50 Jahre nach ihrer Premiere zum ersten Male aufgeführt.

<i>Porgy and Bess</i> © Matthias Baus
Porgy and Bess
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In Amsterdam sang Eric Owens (Porgy) mit Leib und Seele und war bei dieser Oper mit seiner imposanten Gestalt und seiner charismatischen Ausstrahlung der unbestrittene Held dieser Oper. Durch die gesamte Oper bis hin zu seiner großen Arie „Bess you is my woman now machte er die traurige Melancholie des Behinderten sichtbar, der trotz aller widrigen Lebensumstände den Mut nicht verliert und um sein Glück kämpft.

Schon vor seinem ersten Auftritt wurde der Respekt deutlich, den er in seinem Kietz (Stadtviertel) genießt. Er ist freundlich und verspielt das wenige Geld, welches er täglich auf seiner Ziegenkarre erbettelt großzügig beim Würfelspiel mit seinen Nachbarn. Mit „I got plenty of nothing, And nothing's plenty for me, I got no car - got no mule, I got no misery” besingt er später seine Lebensphilosophie.

<i>Porgy and Bess</i> © Matthias Baus
Porgy and Bess
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Das Porgy and Bess Ensemble überzeugte mit einer hervorragenden schauspielerischen, sanglichen und tänzerischen Leistung. Sogar die kleinen Rollen waren ideal besetzt. Wie zum Beispiel Sarah-Jane Lewis (Erdbeerenverkäuferin) und Chaz’men Williams-Ali (Crab Man) ihre Waren anpreisen war unvergesslich. Die Vorstellung bekam aber erst wirklich Fahrt und ging unter die Haut als Frederick Ballentine (Dealer Sportin’ Life) verschmitzt „It ain't necessarily so” sang und dazu tanzte. Bis dahin hatten vor allem Janai Brugger (Maria) und Donavan Singletary (ihr Mann, der Fischer Jake) mit ihren Arien den Ton angegeben. Adina Aaron (Bess) spielte ihre Rolle als die hörige Frau eines gewalttätigen Mann, Crown, sehr lebensecht, konnte aber erst später mit ihrerSummertime” Arie auch stimmlich berühren. Das mag daran gelegen haben, dass der Bassbariton Mark S. Doss die Premiere gesundheitsbedingt nicht singen konnte. Kurzfristig wurde für ihn Nmon Ford eingeflogen. Dieser hatte diese Produktion zwar schon vor einigen Monaten bei der English National Opera in London gesungen, damals aber zusammen mit anderen Hauptdarstellern. Seine überzeugende Darstellung des aggressiven überheblichen Außenseiters bekam dadurch eine fühlbar realistische Ladung. Verständlicherweise fehlte es ihm aber vor allem zum Ende dieser Vorstellung an Stimmkraft.

<i>Porgy and Bess</i> © Matthias Baus
Porgy and Bess
© Matthias Baus

Das lag aber vielleicht auch am Niederländischen Philharmonischen Orchester. Zu Beginn waren dessen Rhythmen nicht zwingend-swingend und deren Klang matt. Nur die Blechbläser überzeugten von Anfang an und legten einen sonoren Klangteppich unter die Vorstellung. James Gaffigan hatte das Orchester zu jeder Zeit gut im Griff und sorgte dafür, dass es sich im Laufe des Abends ungemein steigerte und zum Schluss sehr amerikanisch und mitreißend klang.

Michael Yeargans drehendes Bühnenbild ist ebenso effektiv wie traditionell. Dank Donald Holders Beleuchtung kann man sich trotzdem nicht an ihm satt sehen. Die Choreografie van Dianne MacIntyre ist vor allem im Ensembletanz bei „It ain't necessarily so” genial. Regisseur James Robinson hat mit seinem amerikanischen Team deutlich die Met vor Augen, in der diese Produktion in dieser Saison noch zu sehen sein wird. Diese Vorstellung ist bestens für eine Liveübertragung auf Kinoleinwände geeignet. Die Auftritte der Polizisten könnten direkt aus einem Fernsehkrimi stammen. Gänzlich enttäuschend sind die Abgänge der Hauptpersonen: Das mit Puderzucker (Kokain) beschmierte Gesicht von Bess vor ihrer Flucht nach New York zusammen mit Sportin‘ Live, und das beinahe fröhliche Hinterherwinken der Nachbarn, wenn Porgy seiner Bess nach New York folgen will um sie aufs Neue zu retten.

Gershwin und Heyward hatten trotz des anfänglichen Misserfolges ihrer ersten Oper schon Pläne für eine nächste Opernproduktion. Leider ist Gershwin nicht viel älter geworden als Mozart.

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