Angesagt war ein Dreifach-Rezital mit den Preisträgern des Rahn Kulturfonds 2016. Der alle zwei Jahre abgehaltene Wettbewerb wurde 1976 ins Leben gerufen mit dem Ziel, junge Musiker an Schweizer Musikhochschulen zu fördern. 2016 wurden ex aequo zwei erste Preise vergeben (Chiara Opalio und Benedek Horváth), sowie ein dritter Preis an Alexandra Sikorskaya. Ein kleiner Wermutstropfen vorab: die im Programm mit angekündigte Trägerin des ersten Preises, Chiara Opalio, musste ihre Teilnahme am Rezital aus Krankheitsgründen absagen. Dafür erhielten die beiden anderen Preisträger Gelegenheit, zusätzliche Stücke zu präsentieren.

Benedek Horváth © Jean-Baptiste Millot
Benedek Horváth
© Jean-Baptiste Millot

Der 1989 in Budapest geborene Benedek Horváth eröffnete den Abend mit den angesagten Davidsbündlertänzen von Schumann. Sie sind mehr als eine unterhaltsame Abfolge von 18 kurzen Klavierstücken; vielmehr ging es dem Komponisten um die Darstellung eines zugrundeliegenden poetischen Programms. Dieses beschreibt die Interaktion, ein Gespräch zweier gegensätzlicher Charaktere, des sanften Eusebius und des forschen, draufgängerischen Florestan. Es ist ein intimes, verinnerlichtes Werk, musikalisch von Robert Schumanns Liebe zu Clara Wieck inspiriert; die beiden Typisierungen können aber genauso gut als komplementäre Charakterzüge des Komponisten interpretiert werden. Zumindest in der hier gespielten ersten Version des Op.6 ist jedes Stück klar markiert als entweder ein Monolog einer der Persönlichkeiten, oder aber als Dialog der beiden.

Horváths Spiel klang für mich expressiv, harmonisch, volltönend, oft zügig, flüssig (aber nie gehetzt), dominiert von Legato, das durch die Akustik und vermutlich reichlich Pedal noch verstärkt wurde. Der Pianist ist virtuos und achtete auf die Nebenstimmen, wovon vor allem die „Florestan“-Seite profitierte; der „Eusebius“-Aspekt hingegen schien mir etwas zu kurz zu kommen. Hier hätte ich mir manches schlichter, weicher, sanfter, poetischer gewünscht, in größerem Kontrast zu „Florestan“.

Nicht ganz unerwartet wählte Horváth als zusätzliches Werk die Sonate Sz80 seines Landsmannes Béla Bartók. Nach meinem Dafürhalten war Horváths Spiel technisch sehr gut, virtuos in den raschen Sätzen, speziell im anspruchsvollen Schlusssatz. Einiges hätte ich mir schroffer vorgestellt – aus der Tiefe des Saals konnte ich nicht beurteilen, ob das auf reichlich Pedal oder die eher hallige Akustik (resp. mangelnde Anpassung an diese) zurückzuführen war. Der Mittelsatz, Sostenuto e pesante, erinnert mich in der Stimmung etwas an Ravels Le gibet. Hier schien die Betonung auf dem Sostenuto zu liegen, das Pesante beschränkte sich auf einzelne Segmente.

Nach der Pause stellte sich die 1990 in Norilsk geborene Russin Alexandra Sikorskaya mit Medtner vor: die sehr atmosphärische Sonata reminiscenza repräsentiert in ihrer Melancholie, die auch über den virtuosen, flüssig gespielten Mittelteil anhält, ganz Medtners Personalstil. Hier gefielen mir die dynamische Differenzierung, das Herausarbeiten von Haupt- und Nebenstimmen, die großen Steigerungswellen und –bögen, die Klarheit in Dynamik und Polyphonie. Gesamthaft hatte ich den Eindruck einer romantischen Interpretation, dominiert vom Wohlklang des Flügels. Die Zuhörer waren mit Medtners Musik wenig vertraut und wussten offenbar nicht, ob das Stück zu Ende war: nicht unerwartet blieb der Applaus aus, und so begann die Pianistin nach kurzer Unterbrechung das eingeschobene Scherzo Nr. 4 in E-Dur, Op.54, von Chopin. Alexandra Sikorskaya spielte mit anspruchsvollem Tempo und hoher Virtuosität, rund, fließend, sehr leidenschaftlich, große Klangballungen auftürmend. Auch hier hatte ich den Eindruck einer Tendenz zu Legato, wozu wiederum die Akustik beigetragen haben mag – oder erlag die Pianistin den Versuchungen des wohlklingenden Instruments, der warmen Akustik? Nach dem glanzvollen Schluss blieb der Applaus hier jedenfalls nicht aus!

Es folgte das Andante spianato et Grande Polonaise brillante von Chopin. Im Andante-Teil legte die Pianistin das Augenmerk mehr auf großräumige Phrasierungsbögen und Entwicklungen denn auf motivische Spannung und Agogik. Die Polonaise klang auch ohne Orchesterbegleitung sehr orchestral, rhapsodisch, virtuos und in der Tat brillant! Hier waren keine Oberflächlichkeiten auszumachen: Sikorskaya spielte mit viel Schwung, gestaltete dennoch auch Nebenphrasen sorgfältig. Wieder lag der Fokus auf den großen Gesten, mehr denn auf erzählerischer Motivik, Transparenz oder Klarheit in den Läufen: eine mitreißende Aufführung, deren zirzensische Geste an Liszt und Paganini gemahnte.

Die Erregung des Applauses legte sich erst mit der Zugabe, dem beliebten Nocturne Nr. 7 in cis-Moll, Op.27 Nr.1: wunderbar differenziert und mit guter dynamischer Balance, auch kleinräumiger Spannung und Agogik in den ruhigen Rahmenteilen. Nur in einzelnen Skalen hätte ich mir etwas mehr Rückhalt, weniger „Laufenlassen“ gewünscht. Im erregten Mittelteil spielte Alexandra Sikorskaya vielleicht mit etwas gar großer („russischer“?) Geste für ein Nocturne—aber mit dem luziden Schluss geriet dies zur Nebensache.

Zwei vielversprechende Talente, ohne Zweifel. Herzlichen Glückwunsch im Nachhinein, und gute Besserung der erkrankten Chiara Opalio!