Nachdem die Münchner Philharmoniker vor ein paar Tagen mit ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev endlich wieder vor Publikum aufgetreten sind, durfte nun der junge finnische Dirigent Klaus Mäkelä vor hundert Zuhörern sein Debüt bei den Philharmonikern geben. Vielleicht hat man sich bei den Philharmonikern mit einer Zusammenarbeit so beeilt, weil der 24-Jährige in den kommenden Jahren deutlich schwerer zu engagieren sein wird. Denn neben seiner Position als Chef der Osloer Philharmoniker, die er im August antritt, wurde unlängst bekannt, dass Mäkelä außerdem ab 2022 die Leitung des ehrwürdigen Orchestre de Paris übernehmen wird. Große Verantwortung also für den jungen Dirigenten, der in der Münchner Philharmonie hörbar machte, warum sich die Orchester so um ihn reißen.

Klaus Mäkelä © Marco Borggreve
Klaus Mäkelä
© Marco Borggreve

Mit ihrem Programm kontrastierten die Philharmoniker das Märchenballett um Feen und Däumlinge Ma mère l’Oye von Maurice Ravel mit der dramatisch düsteren Dritten Symphonie von Felix Mendelssohn, die Schottische. Bei beiden Werken merkte man Mäkelä an, dass er Instinktmusiker ist, stets auf der Suche nach dem energetischen Moment in der Musik. Und die muss nicht immer in aufgewühlten Momenten liegen. Gerade das Prélude zum Ballett bezog bei Mäkelä durch das Auskosten der hitzigen Ruhe seinen spannungsgeladenen Reiz. Mäkelä ließ die Philharmoniker die Linien der Musik wunderbar aussingen, dadurch präsentierte sich das Orchester auch mit Hygieneabstand klanglich dicht und gleichzeitig harmonisch leicht. Das Ergebnis klang schließlich mehr nach farbenprächtigem Klanggemälde denn nach kindlichen Märchenschwänken – was allerdings wohl auch ganz gut so ist.

Auch Mendelssohns regnerisch, düstere Grundstimmung fing Mäkelä mit den Philharmonikern gekonnt ein. Der Finne hat ein Gespür für explosionsartige Übergänge, wird es dramatisch, springt er gerne den Streichern auf seinem Dirigentenpodest entgegen, ballt die Faust, streckt sie in die Luft. So klang der Romantiker Mendelssohn selbst mit einer Besetzung von 40 Musikern stellenweise rauschhaft überwältigend. Sehr präsent waren vor allem die Blechbläser, die besonders im Kopfsatz die Streicher fast zu verdrängen drohten.

Die Balance fand das Orchester aber spätestens mit dem Adagio, das Mäkelä als ergreifende Meditation interpretierte. Mit langen, fein herausgearbeiteten Melodien und konduktartigen Blechbläserchorälen präsentierte der Finne den Satz mit fast spröder, sakraler Würde.

Auch sonst schien Mäkelä eher ein Freund der maßvollen Tempi zu sein (vielleicht mag dabei noch eine gewisse Vorsicht eine Rolle gespielt haben), was ihm vor allem dann vor Probleme stellte, wenn sich die Spannung nicht durch organische Expressivität entwickeln ließ. Deswegen wirkten die lyrischen Passagen stellenweise unidiomatisch breit, was nur solange störte, bis Mäkelä die einzelnen Stimmgruppen wieder sorgfältig konturierte und die Melodien herrlich transparent aus dem Gesamtklang heraussezierte.

Zum Abschluss verflog der Applaus der 100 Personen in der großen Philharmonie leider etwas, auch wenn das das Publikum das Debüt mit Bravo-Rufen zu goutieren wusste; auf der Bühne bedankte sich Mäkelä beim Konzertmeister mit Ellenbogen-Gruß. Das Konzert wird ab dem 3. Juli auf der Webseite der Münchner Philharmoniker zu sehen sein. Den Live-Eindruck, das haben die Philharmoniker mit Mäkelä wieder deutlich gemacht, kann auch ein Digital-Konzert nicht ersetzen.

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