Die Konzerte des Grazer Orchesters Recreation erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit, und der ausverkaufte Abend mit dem Titel „Russische Weihnacht“ versprach mit zwei absoluten Weihnachtsklassikern auf dem Programm vorweihnachtliche Stimmung fernab von hektischen Christkindlmärkten und Punschständen.

Andreas Stoehr © Björn Hickmann
Andreas Stoehr
© Björn Hickmann
Den Auftakt des Abends bildete Nikolai Rimski-Korsakows Suite zu seiner gleichnamigen Oper Die Nacht vor Weihnachten, in der er den russischen Aberglauben rund um die dunklen Geschehnisse vor diesen besonderen Tagen thematisiert. Das Orchester war gut disponiert, wirkte jedoch nicht immer zu hundert Prozent aufeinander abgestimmt, was besonders in den sanften Pianopassagen auffiel und der Einleitung das winterliche Glitzern raubte. Harfe und Flöten jedoch taten sich in ihren Soli mit filigraner Phrasierung hervor, lieferten konstante Höhepunkte und ließen die funkelnden, fallenden Schneeflocken geradezu sichtbar werden. Mit dem Csárdás, der den Fall der Sternschnuppen symbolisiert, kam der Tanz der Sterne dann richtig in Schwung, und sowohl das Orchester als auch Dirigent Andreas Stoehr, der für die erkrankte südamerikanische Dirigentin Alondra de la Parra eingesprungen war, hatten ihre stärksten Momente im Forte, etwa in der beeindruckend kraftvollen Interpretation des Hexensabbats.

Danach kam das Publikum in den Genuss von Reinhold Glières Harfenkonzert in Es-Dur. Das um 1938 entstandene Werk, dessen Uraufführung erst nach dem zweiten Weltkrieg stattfinden konnte, erinnert in Klangfarben und Harmonik oft an Tschaikowski, fühlte sich Glière doch trotz der Umwälzungen stark der russischen Romantik verpflichtet. Man verbindet dieses Werk zwar vielleicht nicht so sehr mit Weihnachten wie die beiden anderen Programmpunkte, doch dank des grandiosen Harfenisten Emmanuel Ceysson wurde es zum Höhepunkt des Abends. Sein überwältigender Enthusiasmus und die Liebe zur Musik gepaart mit der beeindruckenden Virtuosität seines Spiels waren wahrlich ein Ereignis. Schon im ersten Satz bewies er neben technischer Präzision in schnellen Läufen auch großes Gefühl – der Klang seiner Harfe schien oft glitzernd im Raum zu schweben, besonders in der langen Kadenz.

Ceysson schwelgte richtiggehend in Glières Musik und ließ das Orchester im Vergleich dazu stellenweise matt wirken. Auch das romantische Variationsthema im zweiten Satz kostete der Solist mit scheinbar endloser Leichtigkeit vor allem in den Arpeggien voll aus, während dem Orchester, insbesondere den Streichern, für meinen Geschmack etwas mehr schwelgerischer Pathos nicht geschadet hätte. Erst im dritten Satz, bei lebhaften russischen Volkstanzthemen, schien auch das Orchester in seinem Element angekommen zu sein, denn hier konnte es in raschen Tempi und gewaltigen Crescendi seine Stärken voll ausspielen. Vor allem die Violinen versetzten einen dabei mit großer Spielfreude in die Welt der russischen Folklore und machten durch große dynamische Differenziertheit auf sich aufmerksam. Das Publikum erjubelte sich nach dieser wundervollen solistischen Darbietung noch zwei Zugaben von Emmanuel Ceysson, der darin noch einmal seine ganze Virtuosität zeigte.

Emmanuel Ceysson © Jean-Christophe Husson
Emmanuel Ceysson
© Jean-Christophe Husson

Nach der Pause wurde es dann mit Tschaikowskis Nussknacker-Suite richtig weihnachtlich – zumindest auf dem Papier. Offensichtlich hatte sich Andreas Stoehr aber dafür entschieden, Tschaikowskis Musik frei von jeglichem Zuckerguss zu präsentieren, weshalb es der Ouvertüre, dem Großvatertanz und dem Marsch an Zauber und dynamischer Differenzierung fehlte. Die Balance zwischen Streichern und Bläsern im Orchester jedoch war deutlich ausgeglichener, und besonderes Lob gebührt den Solisten: die orientalisch anmutenden Klänge der Klarinetten im Arabischen Tanz waren geradezu hypnotisch, die Phrasierung der Flöten im Tanz der Rohrflöten bescherte zauberhafte Momente, und die Trompeten gaben dem Spanischen Tanz einen stolzen, beinahe verführerischen Ausdruck. Im Tanz der Zuckerfee wiederum sorgte die Celesta für den nötigen überirdischen Klang, der mit etwas Unterstützung vom Orchester noch eindrücklicher gewesen wäre.

Als die Tempi im russischen Tanz, dem Trepak, flotter und die Stimmung der Musik weniger märchenhaft wurde, konnten schließlich auch Dirigat und Orchester voll überzeugen, und im Blumenwalzer stimmte dann wirklich alles: Völlig ausgewogen und die ganze dynamische Bandbreite auskostend schwelgten Orchester und Dirigent im Walzer, ohne jedoch abgedroschen zu klingen. Als ebenso überzeugend erwies sich das abschließende Pas de Deux. Es schien, als hätte das Orchester den Schwung und üppigen Klang aus dem Walzer mitgenommen, und so stellte sich trotz vorheriger Nüchternheit bei Dirigent und Orchester schließlich doch noch ein Hauch von Weihnachtszauber ein.

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