Wie die Präsidentin Helga Rabl-Stadler vor Beginn des Konzertes richtig feststellte, ist die Idee, die Festspiele mit Haydns Schöpfung zu beginnen, überaus passend, da man sich zu Beginn jedes Festspielsommers wünscht, dass der Sommer voller neuer Schöpfungen sei. Tatsächlich ist die Schöpfung in mehrerer Hinsicht das ideal Eröffnungswerk, nicht zuletzt wegen des religiösen Themas als erstes Konzert der Ouverture spirituelle, doch auch allgemein als schöpferische Grundsteinlegung des Festivals.

Das dreiteilige Werk behandelt zuerst die Schöpfung der Welt in zwei Teilen, bevor im dritten Teil das glückliche Leben von Adam und Eva im Paradies als thematische Grundlage dient. Das Werk ist für seine Entstehungszeit relativ üppig besetzt mit vergleichsweise großem Orchester (samt Kontrafagott und diversen Blechbläsern), großem Chor und drei Gesangssolisten, die die Rollen der Erzengel Gabriel, Uriel und Raphael sowie später Adam und Eva übernehmen.

Yannick Nézet-Séguin © Michael Pöhn | Salzburger Festspiele
Yannick Nézet-Séguin
© Michael Pöhn | Salzburger Festspiele
In diesem Jahr wurde die Leitung dieses Konzertes dem zukünftigen Musikdirektors der New Yorker Metropolitan Opera, Yannick Nézet-Séguin, anvertraut, der das Werk überaus mitreißend und organisch zu dirigieren wusste. Diverse kleine Details wie zarte Verzierungen und klangliche Effekte wurden aus der Partitur herausgearbeitet und auch der Gesamtklang war glorreich ausbalanciert. Das Chamber Orchestra of Europe spielte wunderbar brillant mit beeindruckend ausdifferenziertem Klang und besonders die Streicher überzeugten mit klarem Spiel. Die verzierenden Umspielungen, besonders im dritten Teil, waren einfach wunderbar und erinnerten teilweise an Vogelgezwitscher oder sonstige Naturimitationen. Unter Nézet-Séguins Leitung spielte das Orchester so ausgewogen, mit grandioser dynamischer Bandbreite von kaum hörbaren Momenten bis zu majestätisch feierlichen Chorszenen und so mitreißend, dass man beinahe das Gefühl, hatte tatsächlich einem Schöpfungsprozess beizuwohnen.

Mit dem Chor des Bayerischen Rundfunkes war ein Chor erster Klasse beteiligt, der sich zweifellos zu den besten Chören Europas zählen darf. Selten habe ich einen so ausgeglichenen, kontrollierten Chor gehört, der in lebhafteren Teilen mit viel Schwung und Leidenschaft und in ruhigeren Passagen zart und zurückhaltend sangen. Besonders der majestätische Schlusschor sorgte in der mitreißenden Darbietung des Chores für den einen oder anderen Gänsehautmoment. Bei den Solisten überzeugte von allem Gerald Finley mit starker Stimme und Schönklang. Er bestach durch sein sonores, warmes Timbre, aber auch durch eine mehr als einwandfreie Diktion, sodass er, auch als einziger Nichtmuttersprachler, mit bester Textverständlichkeit glänzte. Nicht nur die Verständlichkeit, sondern auch die musikalische Umsetzung des Textes war sagenhaft und zeigte, wie wandlungsfähig Finley ist.

Doch auch Hanna-Elisabeth Müller und Werner Güra zeigten sich von ihrer besten Seite. Müllers lyrischer aber doch tragfähiger Sopran stach nicht nur durch sein schönes, weiches Timbre hervor, sondern auch durch eine gewitzt charmante Darbietung. Von zart angesungenen Tönen bis zu den feierlichen Momenten zusammen mit dem Chor bewies Müller, dass sie zu den großen Nachwuchshoffnungen zählt. Werner Güra konnte mit seinem klaren, hell timbrierten Tenor ebenfalls punkten, nicht zuletzt aufgrund seiner großen Erfahrung in der Musik aus Haydns bzw. Mozarts Zeit. Er fühlte sich in seiner Rolle sichtlich wohl und sang mit großer Stilsicherheit und in fast Mozart'scher Manier. Sicher führte er seine Stimme über tückische Stellen, war dem Text mit einer cleveren Interpretation dienlich und gestaltete mit breiter Farbpalette. Besonders seine zarten Töne waren zum Dahinschmelzen.

COE, Hanna-Elisabeth Müller, Werner Güra und Gerald Finley © Michael Pöhn | Salzburger Festspiele
COE, Hanna-Elisabeth Müller, Werner Güra und Gerald Finley
© Michael Pöhn | Salzburger Festspiele

Mein persönliches Highlight war jedoch das Duett von Adam und Eva im dritten Teil, wo Müller und Finley mit ihren Stimmen für ein wahres Klangerlebnis sorgten. Perfekt verschmolzen ihre Stimmen mit der zarten Begleitung des Orchesters und beschworen somit eine wahrhaft paradiesische Atmosphäre herauf.

Eine solch großartige Eröffnung lässt auf einen ebenso spannungsgeladenen Festspielsommer hoffen.