Träume sind (vorausgesetzt sie sind schön!) wortwörtlich und passend zum Motto der diesjährigen Styriarte Geschenke der Nacht – was liegt daher näher, als einen Konzertabend ganz den Träumereien zu widmen? Weil es aber selten Nächte gibt, in denen alle geträumten Erlebnisse gleich beglückend sind, musste auch an diesem Konzertabend zunächst ein etwas skurriler Traum erlebt werden.

Markus Schirmer © Claudia Tschida
Markus Schirmer
© Claudia Tschida

Denn was im Rahmen des Vorspiels im Foyer geboten wurde, fiel in jene Kategorie Traum, bei der man sich nach dem Aufwachen fieberhaft fragt, wie und warum das Unterbewusstsein denn eigentlich diese Absurdität fabriziert hat. Vier Männer betreten in historischen Kostümen und mit Glückskeksen bewaffnet das Podium, plaudern ein bisschen, öffnen die Kekse und tragen die darin enthaltenen Sprüche schließlich singend vor. Zur Traumdeutung muss jedoch nicht Siegmund Freud exhumiert werden, denn ein Blick ins Programmheft verrät, dass Thomas Höft eine Episode aus Franz Schuberts Zeit in Graz inszeniert hat. Der Komponist und drei seiner Freunde haben wohl, so überliefert es der erhaltene Theaterzettel einer vermeintlich schönen Witwe, eines Abends eine – vermutlich weinselige – Posse gespielt, den sogenannten „Fußfall im Hallerschlössl“. Einer der anwesenden Freunde war Anselm Hüttenbrenner, der praktischerweise Sprichworte vertont hat, womit sich der Kreis zu den Glückskeksen im Foyer der Helmut-List-Halle schließt. Die vier Sänger – Takanobu Kawazoe, Gyrðir Viktorsson, Marcell Krokovay und Stefan Dolinar – hätten sich allerdings einen ernsthafteren Festspiel-Auftritt verdient, denn die Tatsache, dass es sich hier um eine Gruppe ausgezeichnet a cappella singender, gut harmonierender Stimmen handelt, ging in diesem Setting unter.

Esther Hoppe, Markus Schirmer und Christian Poltera © Claudia Tschida
Esther Hoppe, Markus Schirmer und Christian Poltera
© Claudia Tschida

Weitaus seligere Träume bot schließlich das Hauptprogramm des Abends: Pianist Markus Schirmer arbeitete in Schuberts Ungarischer Melodie herrlich die zarte Verliebtheit des jungen Mannes in die Comtesse Caroline von Esterházy heraus und liebkoste regelrecht die Tasten seines Instruments. In jedem Ton seines Spiels war dabei die romantische und schwelgerische Unbeschwertheit der ungarischen Sommerfrische zu hören, die der Komponist 1824 im Landschloss erlebt hatte. Mit einer träumerischen Rückschau auf Kindertage beschäftigte sich Robert Schumann in seinen Kinderszenen, aus denen die Stücke Kind im Einschlummern und Träumerei für diesen Abend ausgewählt wurden. Die Klavierstücke, die der Komponist selbst als „kleine putzige Dinger“ bezeichnete, entführten das Publikum dank Schirmers Spiel in sanft wallende Klangwelten, die vom Klavier ausgehend den ganzen Saal in Geborgenheit einzuhüllen schienen.

Das Zentrum des Konzerts bildete nach diesen kurzen, einleitenden Träumereien ein längerer Traum, in Form von Schuberts Trio in Es, bei dem neben Markus Schirmer am Klavier auch die Geigerin Esther Hoppe und der Cellist Christian Poltéra glänzen konnten. Die drei Musiker und ihre Instrumente schienen während des Spiels zu einer symbiotischen Einheit zu werden, ohne dabei die individuellen Charaktere ihres Klanges aufgeben zu müssen. Im energischen Allegro beschwörten sie kräftige Farben und ein unterschwelliges Brodeln herauf, im zweiten Satz seufzten die Instrumente melancholisch entrückt zu dem Thema, das Schubert einst aus einem schwedischen Volkslied aufgeschnappt haben soll und das auch als Inspiration für seine Winterreise vorstellbar ist. In fein abgestimmter Dynamik steigerte sich das Andante con moto bis hin zu ekstatischem Beben, keck und frisch gestaltete das Trio danach den dritten Satz. Im finalen Allegro moderato durften sich einmal mehr Melancholie und Lebenslust miteinander duellieren, wobei insbesondere Violine und Cello mit warmem Klang und dem zarten Spiel begeisterten. Aus dem schönen Traum rissen schließlich der Schlussapplaus und die Saalbeleuchtung; eine Schlummertaste, um Konzerte „nur noch fünf Minuten länger!“ genießen zu können, müsste glatt erfunden werden!

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