„Und das verwaiste Herz vernimmt den stillen Ruf, und sehnt sich heimatwärts zum Vater, der es schuf!“. Franz Schuberts Vertonung von Johann Petrus Silberts Himmelsfunken ist eines der Highlights dieses vielfältigen Liederabends mit Christian Gerhaher und Gerold Huber. Mit Werken von Schubert, der oft als eigentlicher Schöpfer des Kunstliedes gehandelt wird, über Hugo Wolf und Alban Berg zur Musik der Gegenwart von Wolfgang Rihm spannt das Programm einen großen Bogen über das Genre der Liedkunst.

Christian Gerhaher © Gregor Hohenberg | Sony Classical
Christian Gerhaher
© Gregor Hohenberg | Sony Classical

Wolfgang Rihm ist einer der produktivsten Komponisten unserer Zeit und hat es bereits auf ein beachtliches Œuvre gebracht. Seine Schaffenslust blieb ihm auch nach schwerer Krankheit erhalten und so vertonte er vor kurzem Ausschnitte aus Goethes Torquato Tasso „für Christian Gerhaher, der mich auf den Gedanken brachte“. Erst am 23. November uraufgeführt, nimmt Gerhaher die Tasso-Gedanken, die verschwiegenen Selbstgesprächen gleichen, mit auf seine Lieder-Reisen. Diese nach innen gekehrten Gedanken sind ein hin und her zwischen Ruhe und Unruhe und mit vielen Sprüngen, unterschiedlichsten Lagen und Intensitäten im Ausdruck sängerisch herausfordernd. Doch wem sollte Rihm so ein Werk auch widmen, wenn nicht einem der größten Liedsänger der Gegenwart.

Sobald das Zweiergespann aus Bariton Christian Gerhaher und Pianist Gerold Huber die ersten Töne erklingen ließ, war das Publikum im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin in den Bann gezogen. Es war unglaublich still im Raum, alle waren konzentriert. Mit Schubert beginnend zeigten die beiden, was sie so ungern sichtbar machen wollen: ihre Kunstfertigkeit und damit die Künstler selbst.

Ein „Medium“ will Gerhaher sein für die Lieder, für die Aussagen der Komponisten und Dichter. Abgesehen von dem Erstaunen über Hubers Einfühlsamkeit und die stimmlichen Fähigkeiten des Baritons gelingt dies auch. Aber nur, weil er seine Aussprache und Gestaltung bis ins kleinste Detail geschliffen hat, Gerold Huber das Klavierspiel nicht als begleitendes oder selbstdarstellerisches, sondern als interpretatorisches beherrscht.

Die unterschiedlichen und doch so markant typischen Klangfarben der Stimme Gerhahers, die Inniglichkeit und der starke Ausdruck beider Musiker ist fesselnd. Mit herrlich spannungsreicher Phrasengestaltung arbeiteten sie die Schönheit, Tiefe und Transzendenz der Lieder heraus – seien es die sehnsüchtigen Zeilen Rückerts „Treib andern Schmerz aus dieser Brust! Voll sei dies Herz von deiner Lust“ in Schuberts bekanntem Du bist die Ruh' oder Alban Bergs dunkel traurigen Klänge zu Alfred Momberts „Schlafend träg man mich in mein Heimatland“.

Die Zusammenstellung des Abends ist typisch für dieses Paar. Es geht nicht um reinen Musikgenuss, um das Versinken im Klang. Es geht um kluge Texte, Deutungsversuche von Welt, Mensch und Göttlichem, verschiedenste Emotionen und Kompositionsstile. Bewegen sich zum Beispiel Alban Bergs erste drei Lieder der Vier Gesänge, Op.2 noch in der tonalen Welt, so ist der Unterschied von Warm die Lüfte sofort erkennbar. Dies sind seine ersten Versuche in einer atonaleren, freieren Klangwelt, die immer weiter ins theatrale geht. Das Lied bewegt sich zwischen zauberhaft lieblichen Tönen und starken Effekten hin und her. „Stirb!“ sprach Gerhaher mit tiefer Stimme und ließ so manchen im Publikum schmunzeln.

Dass die zwei über die Ernsthaftigkeit hinaus auch Humor besitzen, wurde besonders bei den Zugaben deutlich. Merklich entspannter und etwas aus der Rolle des Mediums hervorgekommen boten sie zwei weitere Lieder. Mit heruntergefallenem Notenpult spielte Hubert Alban Bergs Über die Grenzen des All, welches quasi textgetreu mit einem für Bariton übermäßig hohem zweigestrichenes c endet. Allein dies belustigte schon. Wenn Huber dann auch noch, geradezu wie einstudiert, das Pult mit dem letzten Ton geräuschvoll hochzieht und ohne Pause direkt in Schuberts Der Einsame übergeht, hat das seine ganz eigene Komik. Und so endete der Abend auf einer eher lustigen Note beschwingt mit: „Zirpt immer, liebe Heimchen in meiner Klause eng und klein. Ich duld' euch gern: ihr stört mich nicht wann euer Lied das Schweigen bricht bin ich nicht ganz allein.“

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