Wer je einen Meisterkurs mit Sir András Schiff verfolgt hat, weiß, wie viel Wert er auf äußerste Präzision in der Dynamik, das Gewicht jedes einzelnen Fingers, jeder Figur in einem komplexen Klaviersatz legt: ein Meister der dynamischen Differenzierung, der Sorgfalt. Wer anderseits seine Gesprächskonzerte erlebt, weiß, dass er sehr bewusst, reflektiert, mehr denn spontan an die Werke herangeht.

Sir András Schiff © Nadia F. Romanini
Sir András Schiff
© Nadia F. Romanini

Schiff begann sein breitgefächertes Programm im Barock, mit Bachs Capriccio. Das einleitende Adagio nahm Schiff dabei zu zügig und auch das Adagissimo des dritten Satzes war eigentlich keines. Bachs reiche Verzierungen spielte der Pianist meist zeitgerecht – man merkt, dass ihm Bachs Musik ein Anliegen ist, selbst wenn er aus Gründen der Konzertakustik nicht auf den modernen Flügel verzichten will. Das angeschlagene Tempo nötigte zwar zu Vereinfachungen bei Bachs Verzierungen, aber dennoch erschien der Klaviersatz oftmals randvoll mit Arabesken. Detaillierte Klangrede in den Floskeln, wie sie das Cembalo ermöglicht, kann allerdings auf dem Flügel kaum Wirkung entfalten. Immerhin hätte das Thema der abschließenden Fuge durchaus eine differenziertere Artikulation verdient, statt durchgehendes Portato wie bei Schiff: Bach beschränkt seine Annotationen auf das absolut Nötigste. Allgemein war Schiffs Bach eher ausdrucksarm, allzu sehr auf schönes, ästhetisches, wenn nicht gar liebliches Spiel bedacht. Bachs Angaben zu den in den Sätzen beschriebenen Szenen – ob sie jetzt ironisch oder ernst gemeint waren – rufen doch förmlich nach ausdrucksreicher Klangrede!

Schiff nahm den Blick nicht von der Tastatur, fuhr nach wenigen Sekunden mit Beethovens Klaviersonate Nr. 26 fort. Der erste Satz beschreibt zwar ebenfalls einen Abschied, dennoch schien der Übergang von Bach nicht sehr schlüssig. Die Beschreibung von Schiffs Beethoven-Interpretation scheint exemplarisch für den ganzen Abend: technisch makellos (abgesehen von einem hörbaren Lapsus zu Beginn des Allegro), dynamisch äußerst sorgfältig gestaltete Bögen, perfekter, aber eher weicher Anschlag. Er ist dabei nie aggressiv, jegliche Härte und Schroffheit vermeidend, auf die Melodien, den singenden Ton fokussiert, dem Wohlklang verpflichtet. Die runde, warme Sonorität, das Singen des ausgezeichnet intonierten und gestimmten Bösendorfer war dem Interpreten dabei selbstredend mehr als nur Hilfe, eher schon Voraussetzung. Leider opferte der Künstler dabei fast jegliche „sprechende“ Artikulation auf Motiv-Ebene, und ließ das impulsive, aufbrausende Temperament des Komponisten vermissen. Letzteres traf noch mehr auf den „Wiedersehenssatz“ zu: nicht überbordend vor Freude, sondern oftmals zu elegant-fließend, impulsiv allenfalls momentan, so in den Synkopen.

Die Bartók Sonate folgte wiederum ohne nennenswerten Unterbruch. Sie ist virtuos mit ihren über durchgehender Achtels-Motorik aufblitzenden Sechzehntel-Einwürfen – ein beliebtes „Showpiece“ bei jungen Pianisten, oftmals mit verbissener Aggressivität gestaltet. Sicher, Schiff hat es nicht nötig, mit Virtuosität aufzutrumpfen, allerdings blieb der Pianist deutlich unter der Tempovorgabe des Komponisten: ein stets kontrollierter, gebändigter Tanzrhythmus, weich im Anschlag. Selbst der Übergang zum Più mosso fiel fast zögerlich-verhalten aus. Der Mittelsatz war ganz Sostenuto e pesante, wie vom Komponisten verlangt, in der Dynamik dennoch viel vom weiten Spektrum des Instruments nutzend. Kontrolliert war wiederum der Schlusssatz, zwar gelegentlich aufblitzend, aber nie auch nur annähernd das Feuerwerk, das andere Pianisten hier veranstalten.

Janáčeks Klaviersonate 1. X. 1905, geschrieben im Gedenken an den Tod eines Arbeiters anläßlich der Manifestationen für die Tschechische Universität, war der Höhepunkt des Abends: da lebte András Schiff richtiggehend auf! Bei allem Wohlklang war die Stimmung des Satzes „Die Ahnung“ ausgezeichnet eingefangen, eindrücklich in der dynamischen Gestaltung und im Wogen des musikalischen Flusses. Das galt auch für den Folgesatz „Der Tod“, der sich bis zum expressiven ff steigerte. Dass nach dem ersten Höhepunkt einzelne Figuren kaum hörbar waren, liegt an der Disposition des Komponisten. Störend war einzig das gelegentlich gar deutliche (und dann allzu regelmäßige) Arpeggiando-Spiel.

Die abschließende c-Moll Sonate von Schubert war hingegen wieder eher enttäuschend. Statt der Wildheit, Wut und Verzweiflung hörte man fast apollinische Verklärtheit, Wohlklang, gepflegtes Spiel, pure Klangästhetik. Der Interpret schien zu wenig zu wagen. Am auffallendsten war das Manko bei Schuberts schroffen Generalpausen im Schlusssatz, wo die Musik urplötzlich stockt, Abgründe sich öffnen: nichts dergleichen an diesem Abend. Allerdings sollte fairerweise angemerkt werden, dass der deutliche Nachhall der St.Johannskirche dem Stück nicht gut bekam.

Für die Zugaben kehrte Schiff zu Bach zurück: C-Dur Präludium und Fuge aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers und als versöhnender Abschluss dann doch noch ein kleiner Höhepunkt: das Gavottenpaar aus der 3. Englischen Suite in einer heiteren, fast verspielten Interpretation.