Die kleine Dorfkapelle von Gstaad verwandelt sich zu Festivalzeiten stets um 16 Uhr in einen hoch aktuellen musikalischen Schaukasten. Die von Mentor und künstlerischem Leiter Renaud Capuçon handverlesenen jungen Geigentalente streiten hier acht Tage lang um den nach dem Begründer der Sommets Musicaux benannten Prix Thierry Scherz, mit dessen Gewinn die professionelle Aufnahme einer ersten CD mit Orchesterbegleitung verbunden ist. Dieses Jahr eröffnete ein Münchener Schwesternpaar den jungen Reigen: Mariella und Magdalena Haubs erspielten sich mit Mozart, passioniertem Grieg und unterhaltsamem Schoenfield das Interesse und waren weltweit die ersten, die sich an Toshio Hosokawas neuem Lied IV versuchen durften. Dessen beste Interpretation wird wiederum mit dem zur Förderung zeitgenössischer Musik ebenfalls jährlich ausgeschriebenen Prix André Hoffmann belohnt.

Mariella und Magdalena Haubs © Miguel Bueno
Mariella und Magdalena Haubs
© Miguel Bueno
Die Sonate in F-Dur (KV377) begann mit einem sehr dynamischen Allegro, vielleicht noch etwas suchend nach den idealen Klangfarben. Die waren jedoch bald präsent: Mariella Haubs Expressivität war im zweiten Satz evident. Ihre Petrus Guarneri-Geige von 1721 entwickelte hier gerade in der tiefen Lage sehr interessante Harmonietöne, als die junge Solistin selbstvergessen die Melancholie des Themas ausarbeitete, das anschließend sechsmal variiert wird. Eine hier zunächst sehr an Bachs Goldberg-Variationen erinnernde Rhythmik schmeichelte Magdalena Haubs sehr präzisem Spiel, das auch später im Menuett äußerst delikat die Arpeggien auf ihre Schwester regnen ließ. Ihr samtweicher Anschlag machte besonders deutlich, dass es sich hier nicht um eines der typischen Geschwisterduos handelt, in denen ein Part künstlerisch deutlich die Oberhand besitzt und hinter dem der zweite konturlos verschwindet. Vielmehr äußern sich hier zwei sehr unterschiedliche und jeweils hochgradig musikalische Persönlichkeiten, die etwas an zwei Grimm’sche Märchenfiguren erinnern mögen.

Das Rosenrot, Mariella, trägt die leidenschaftlicheren Züge, die in einer sehr dramatischen Variation und einer folgenden ungarischen Charakters ebenso zum Tragen kamen wie in einer sehr unschuldig und piano gespielten Achtelvariation, der die Geigerin im Diskant auf sehr lyrische Weise gerecht wurde. Die Lieblichkeit Schneeweißchens entfaltete sich erneut in GriegSonate Nr. 3 in c-Moll (Op.45). Wie Feenglöckchen oder Harfensaiten wurden hier von Magdalena Haubs die Tasten angeschlagen, was dem folkloristischen zweiten Thema des Allegro molto ed appassionato zu Gute kam: Ein feiner Teppich, auf dem die Geige ihrer Schwester seine Elegie singen konnte.

Diese konnte im Weiteren ihre ausgesprochene Ausdrucksstärke zur Geltung bringen, deren körperlicher Niederschlag bis in die Haarspitzen ging — diese hatten mittlerweile auch die nur scheinbar artige Spange gesprengt, von der sie zurückgehalten worden waren. Beide Kammermusikerinnen zeigten eine Leistung, die bereits nach dem ersten Satz dieser Sonate mit Bravorufen honoriert wurde. Im Allegro espressivo alla Romanza präludierte das Klavier zauberhaft; die Violine zog ihre feinen Legatobögen und zupfte dann energische Pizzicatihier in einem Tanz einmal das Tasteninstrument begleitend. Aufmerksam hatte die Pianistin den Bogen ihrer Schwester im Blick: Mit der letzten Vibration der Saite im Diskant verstummte auch der Klavierton. Auf die leeren Quinten des Klaviers im dritten Satz folgten dann gewaltvolle Aufstriche der Geige, die sich in einen Tanz verwandeln. In ihm dialogierten die beiden Instrumente in gleicher Artikulation und versuchten, sich gegenseitig zu überbieten: Die jugendliche Frische und Leidenschaft der schönen Interpretation waren überzeugend.

Unter dem aufmerksamen Ohr von Toshio Hosokawa, dem diesjährigen Residenzkomponisten, wurde dann dessen von mündlichem Charakter geprägtes Lied IV uraufgeführt. Sehr langsam zog der Bogen über die Saiten, man meinte, jemanden reden zu hören. Die Geige erzeugte Vibrationen, mit denen sogar Viertel- oder Achteltonintervalle angespielt wurden, dann wechselt das Stück in eine schnellere und extremere Rhythmik und virtuose Intervallfolgen, die Mariella Haubs energisch ausführte. Dann knospten Bilder auf: Töne wie Hexenzaubersprüche, ein Ball fällt zu Boden, ein Flamme flackert auf und stirbt schließlich in den Rensonanztönen des Klaviers.

Ebenfalls zeitgenössisch, sich aber gewitzt mit traditionellem, genauer gesagt, populärem Intertext beschäftigend, beschloss der amerikanische Komponist Paul Schoenfield das Programm. Seine 4 Souvenirs bieten sukzessive Ragtimelemente mit einem romantischen Thema, einen Tango (sehr cantabile), einen koketten Spaziergang mit Hut und Spazierstock und einen blueslastigen Sprint dar, deren Charakteristika gut markiert und mit viel Esprit vorgetragen wurden.

Ein sehr vielseitiges Programm, dem eine akzentreiche Prokofjew-Transkription als Zugabe hinzugefügt wurde. Mariella Haubs zog ihren Bogen zurück wie ein Fechter sein Florett nach einem gelungenen Angriff: touché!