„Heut oder morgen oder den übernächsten Tag...“ Wie Strauss‘ und Hofmannsthals Marschallin das Ende ihres Techtelmechtels vorausahnte, wussten natürlich auch die Grazer Oper und das Publikum, dass der Abschied von Chefdirigentin Oksana Lyniv eher früher als später kommen würde. Aber angesichts dieses Abschiedskonzerts fällt das ebenso vornehme wie würdehafte Statement „Is halt vorbei“ durchaus schwer. Dabei hätte Corona dem Strauss zum Abschied beinahe überhaupt einen Strich durch die Rechnung gemacht: statt großem Orchester und den ursprünglich für dieses Konzert angesetzten Szenen aus Richard Strauss‘ Opern gab es nun aber immerhin ein – für Strauss’sche Verhältnisse – kleines Orchester und selten gehörte Werke.

Oksana Lyniv © Oliver Wolf
Oksana Lyniv
© Oliver Wolf

Eröffnet wurde der Abend feierlich mit der Wiener Philharmoniker Fanfare, die Richard Strauss für den ersten Ball der Wiener Philharmoniker im Jahr 1924 komponierte. Von der Galerie aus füllten die Blechbläser das Opernhaus mit strahlend, sattem Klang und die Freude über das Endlich-wieder-spielen-dürfen war in jedem Ton zu hören. Die Moderation des Abends übernahm danach gleich die Chefdirigentin persönlich, denn es schien ihr ein Anliegen zu sein, das Publikum nicht nur mit Strauss‘ Musik zu beglücken, sondern auch auf die Entstehungsgeschichte der Werke und die Gründe der Programmauswahl einzugehen. Die tieftraurigen Metamorphosen, in denen der Komponist seinen Schmerz und seine Verzweiflung während der Kriegsjahre verarbeitete, gaben den Streichern eine Steilvorlage für schmerzvolle Klangfarben und elegische Linien, die sie voll auskosteten. Am Pult stachelte Lyniv ihr Orchester zu höchster Präzision an, ließ die Musiker aber gleichzeitig wunderbar in individueller Traurigkeit baden und erreichte nach dem finalen Ersterben des Klanges einen dieser raren Momente, in denen das Publikum mit seinem Applaus tatsächlich wartet, bis auch die Stille nach einigen Sekunden verklungen ist.

Oksana Lyniv, Neven Crnić und Anna Brull © Oliver Wolf
Oksana Lyniv, Neven Crnić und Anna Brull
© Oliver Wolf

Um nicht gleich beim ersten Orchesterkonzert seit mehreren Wochen Antidepressiva an das Publikum verteilen zu müssen, folgte auf das weinende Auge der ersten Konzerthälfte das lachende Auge mit einigen Sätzen aus der Orchestersuite aus der Musik zum Bürger als Edelmann des Molière, dem zweiten Satz aus der Sonatine für 16 Blasinstrumente und zwei Arien aus der Oper Ariadne auf Naxos. Die Arien des Harlekin und des Komponisten passen insbesondere durch ihre von Hofmannsthal geschriebenen Text wunderbar zu diesem Abend, der der Musik und dem Leben huldigte; mit Neven Crnić und Anna Brull durften so auch immerhin zwei Sänger an diesem Abschiedskonzert mitwirken. Interessanterweise hatten beide phasenweise so ihre Probleme, neben dem Orchester nicht unterzugehen – nach so vielen Wochen ohne gemeinsame Proben muss die Abstimmung zwischen Orchester und Sängern wohl noch etwas poliert werden. Ebenso nicht ganz lupenrein waren einige Ein- und Ansätze der Blechbläser in der Sonatine, die aber dennoch eindrucksvoll vor Ohren führte, wie herrlich Richard Strauss es verstand, für Bläser zu komponieren. Wie plastisch Charaktere klingen können, zeigten das Orchester und Oksana Lyniv mit ihrem Ausflug in Molières Komödie: In der Ouvertüre tänzelten die Streicher elegant dahin, bis die Bläser das wahre Gesicht dieses Möchtegern-Adeligen erahnen ließen. Rasante Tempi boten Der Fechtmeister und der Auftritt und Tanz der Schneider, bei dem die Solovioline eine ekstatisch-virtuose (Klang-)Sohle auf das Parkett legte. Im abschließenden Diner konnten die Grazer Philharmoniker unter Lyniv nochmals mit Energie und Präzision sowie einer große Bandbreite an feinen dynamischen Nuancierungen auftrumpfen.

Oksana Lyniv © Oliver Wolf
Oksana Lyniv
© Oliver Wolf

Mit einem von Intendantin Nora Schmid überreichten Blumenstrauß und einer lässig swingenden Zugabe – dem orientalischen Foxtrott Salome, schönste Blume des Morgenlands von Robert Stolz – verabschiedeten sich Oksana Lyniv und die Grazer Philharmoniker schließlich. Und so bleibt dem  Publikum nun wohl nichts anderes übrig, als diese wunderbare Dirigentin in die große Opernwelt ziehen zu lassen, denn immerhin haben wir’s uns „gelobt, sie lieb zu haben in der richtigen Weis.“

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