Die Veranstalter des diese Saison digital abgehaltenen Boston Early Music Festival wussten, wie man nicht nur die melancholische Stimmung derjenigen einfängt, die eben nur ohne Publikum spielen dürfen, sondern sie auch zugleich für die Anzahl der imaginären Lauschenden hebt, die sich daheim nach einem bunten Mix aus Renaissance- und Barockmusik sehnen. Für ihre Ausgabe des im Juni stattfindenden Sommerfests reaktivierten sie so beispielsweise die urkomische Campra-Opernproduktion aus dem Jahr 2017 oder integrierten den famosen finalen Stream der Konzertsaison mit dem Ensemble Correspondances und Lucile Richardot im Programm; dazu bestellten sie zu ihren haus(ensemble)gemachten Eigeninitiativen neue Videokonzerte von Künstlern aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Schon im März erfuhr ich von einem Konzert Erik Bosgraafs und Francesco Cortis mit Telemanns Blockflöten-Sonaten mit Cembalo, was mich als Liebhaber dieses von Telemann besonders geschätzten und beherrschten Instruments und generell des Komponisten selbst nicht hätte stärker erfreuen können. Jetzt war der Tag gekommen, den Höreindrücken und Gefühlen des Verzaubertseins von der übertragenen Kunstfertigkeit dieser gehäuften kammermusikalischen Glücksfälle Ausdruck zu geben.

Francesco Corti und Erik Bosgraaf
© Boston Early Music Festival

Denn das Ausnahme-Duo machte Telemann, den Stücken, der Flöte und dem Cembalo, allen voran natürlich dem Holzblasinstrument als einem menschlichen Organvertreter – wie sonst nur bei der Oboe ganz selbstverständlich bemüht – mit höchster rhetorischer Ausgestaltung alle Ehre. Bereits die eröffnende dreisätzige F-Dur-Sonate brachte mit der Agilität und der sehr bewussten Präsenz der Interpreten einen fördernden Selbstwert eines Mannes herüber, der es als lohnende Aufgabe sah, durch das Journal des Getreuen Music-Meisters, aus dem der Großteil dieser Altblockflöten-Werke stammt, jedem dessen sympathisch-profunde Vorstellung über Instrument und Spielweisen zu vermitteln. Mit einem Füllhorn an unterschiedlich variabler Tongebung – über weiche, breitere Phrasierung bis zu herausgestellten höchsten Noten in trocken-spitzer Artikulation, deren Akzentuierung im satzmäßigen und danach folgenden programmatischen Werdegang noch kontrastschärfer und als typisches Element auffiel – durchdrang Bosgraaf das Geschriebene in der Entäußerung derart, dass es sich wie die maßstabssprengende Anleitung zum ins Staunen versetzende Auftrumpfen eines vermeintlichen Underdogs las.

Dieses Empfinden hielt in seiner dynamisch-atmenden Nachdruckverleihung an, damit den dann tatsächlich vom Aufbau stilecht viersätzigen Varianten in den langsamen Notierungen weiterhin expressive Gesanglichkeit fast existenzieller Art innewohnte und die schnellen, äußert beweglichen Teile ebenfalls voller Affekt und Effekt steckten. In der Sonate TWV41:f1, in der Corti zudem seine handgeschnitzten Entsprechungen bravourös in die Tasten jagte, meisterte Bosgraaf überdies das technische Unterfangen, das Ausgangsloch der Blockflöte auf dem Oberschenkel zu schließen, um den skalierten Höhepunkt zu erreichen. Aus der beginnenden Triste erhob sich darin zum Finale eine trotzige, rasante Freude, so dass die andockende C-Dur-Sonate mit dem knackigen Esprit Cortis und den neckischen wie trickreich-gewandten Charakteristika Bosgraafs virtuoser Arpeggien- und Figurenläufe alles Recht zum ehrwüdigen, eleganten, insgesamt rapider fließenden kess-sicheren Finger- und Zungenschlag hatte.

Francesco Corti und Erik Bosgraaf
© Boston Early Music Festival

Eine erneute Steigerung war mit der d-Moll-Sonate aus den Essercizii musici zu vernehmen, als die dynamischen, akzentuierten und phrasierten Einfälle die komplette theatralische Palette der Vermenschlichung bereithielten, aus der im Presto schließlich eine unmittelbare Kraft strömte. Vor den beiden Sonatinen, die das Duo in seinem großen, charmant-melodiös runden, schwelgerischen, unverwechselbar hanakisch lebhaften und ausgewachsen paradiesischen Zelebrieren des puren sprachlichen Understatements überführte, wirkte das andere C-Dur-Werk aus der Essercizii-Sammlung in seiner gelösten und sentimental-einfühlsamen Verstetigung letztlich wie die artistische Zugabe des Ganzen. Bis zur original für Fagott solo, von Telemann allerdings auch schon genauso für Blockflöte ausgewiesenen f-Moll-Sonate und dem wirklichen, warm-beschwingten, gelasseneren Abschluss in B-Dur, als die beiden Musiker in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Berliner Brauerei Telemann in den Verbindungen von Kunst und Genuss sowie alt, modern und beständig versinnbildlichten und meinen Wunsch zementierten, damit live durch die Welt zu touren.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Boston Early Music Festival rezensiert.

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