Ihr 70. Jubiläum im Grazer Stefaniensaal mussten die Grazer Philharmoniker zwar vor leeren Rängen feiern, Stream sei Dank konnte das Publikum aber doch noch mitfeiern und kam in den Genuss eines wunderbaren Abends, der zur Gänze Antonin Dvořák gewidmet war. Am Programm stand dabei zunächst die sinfonische Dichtung Die Mittagshexe, in der der Komponist unter Rückgriff auf eine Figur der tschechischen Mythologie eine gruselige Geschichte erzählt: Eine Mutter droht ihrem quengelnden Kind damit, dass es die Mittagshexe holen kommen würde; womit sie jedoch nicht rechnet ist, dass die Hexe tatsächlich erscheint und das Kind fordert. Als der Vater nach Hause kommt, findet er seine Frau ohnmächtig mit dem toten Kind in ihren Armen vor, während aus der Ferne der hämische Jubel der Hexe zu hören ist. Diese Geschichte wurde von den Grazer Philharmonikern unter der Leitung von Chefdirigent Roland Kluttig mit plastischem Klang erzählt.

Roland Kluttig dirigiert die Grazer Philharmoniker
© Musikverein Graz

Eingangs schwebte das Orchester in familiärer Idylle lyrisch vor sich hin, bevor die Oboe als quengelndes Kind auftrat und insbesondere in den Streichern die zunehmend entnervte Mutter deutlich wurde. Den Kontrast zwischen den warmen Farben des Familienlebens und den düsteren Klängen der Erzählungen über die Mittagshexe gestalteten Kluttig und das Orchester dabei differenziert, sodass die Handlung auch ohne Text greifbar wurde. Unter dem spannungsvollen Brodeln der Streicher steigerten sich die Blechbläser beim Näherrücken der Hexe zu einem bedrohlichen Sturm; die straffen Tempi machten dabei die Unaufhaltsamkeit des Schicksals klar. Im finalen Klagen des Vaters über den Tod des Kindes sowie dem Freudengeschrei der Hexe wurde in dieser Interpretation auch deutlich, wie sehr Dvořáks Komposition klanglich schon in den Impressionismus weist.

Grazer Philharmoniker
© Musikverein Graz

Die Achte Symphonie, die Roland Kluttig in seinen einleitenden Worten als die authentischste Symphonie des böhmischen Komponisten bezeichnete, knüpfte dann auch nahtlos an das hohe Niveau der ersten Konzerthälfte an und bot einen wunderbar slawischen Klangrausch. Im ersten Satz sprudelte die Lebensfreude aus dem Orchester in warmen Farben und flotten Tempi nur so heraus, wodurch das g-moll-Thema gar nicht erst in Versuchung kommen konnte, allzu viel Melancholie aufkommen zu lassen. Mit eleganter Phrasierung bestach die Flöte, die luftig tänzelnd in den Saal entschwebte und die Streicher einte eine kraftvolle Energie. Im Adagio agierte das Orchester zunächst sanft zurückgenommen und verströmte dabei gelassene Friedlichkeit, bevor sich ausladender Optimismus – etwa in Form der strahlenden Solovioline – sich seinen Weg bahnte; deutlich herausgearbeitet wurde von Dirigent und Orchester auch hier wieder der Kontrast zwischen Hell und Dunkel, Lebensfreude und Elegie. Grazil tanzten die Musiker durch das walzerartige Thema des dritten Satzes, wobei einmal mehr die punktgenaue Abstimmung und Balance der Instrumentengruppen untereinander beeindruckten.

Grazer Philharmoniker
© Musikverein Graz

Der von jubilierenden Trompeten und eleganten Celli eingeleitete vierte Satz steigerte sich nach einigen Abstechern in elegische Gefilde schließlich in Tempo und Dynamik zu einem triumphalen Finale, in dem die Grazer Philharmoniker sich mit üppigem Klang selbst ein Geburtstagsgeschenk zu machen schienen. Um den wohlverdienten Applaus und die Glückwünsche des Grazer (Stamm-)Publikums fiel das Orchester an diesem Abend leider um; das 80-Jahr-Jubiläum kann dann dafür dann hoffentlich wieder gemeinsam und umso ausgelassener im Stefaniensaal gefeiert werden!


Die Vorstellung wurde vom Stream der Grazer Philharmoniker rezensiert.

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