„Die Götter baden – nicht im Wasser des Rheins. Sie baden eher im Mondlicht, bei den Elfen.“ Noch vor den legendären Es-Dur-Akkorden von Richard Wagners Rheingold rezitiert ein Mime einleitende Verse, deren Herkunft auch das informative Programmheft nicht lüftet. Und wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man erst einmal in einen leeren Raum, allein durch die Musik getragen. Man schaut in den Fluss; nichts ist da außer einem bühnenhohen Gemälde des Malers Markus Lüpertz, das die Fluten, einige Fische, ein schwimmendes Rheinmädchen zeigt. Daneben, halb von der Seitenwand verdeckt, ein riesiger, einsamer Wanderer mit Zylinder und Spazierstock, den Blick auf die ferne Burg der Götter gerichtet. Gar Lüpertz selbst?

<i>Das Rheingold</i> &copy; Christina Iberl
Das Rheingold
© Christina Iberl

In dieser Neuproduktion am Staatstheater Meiningen ist einiges anders als in modernen Rheingold-Inszenierungen. Der 84-jährige Bildhauer und Grafiker, den zunehmend auch die Werkdurchdringung als Bühnenbildner und Regisseur reizt und den Presse und Bewunderer gern als „Malerfürsten“ bezeichnen, weilte zu seiner dritten Arbeit nach Puccinis La bohème und Solers Una cosa rara in Meiningen und schuf dort in eigener mehrwöchiger Arbeitsphase Kulissenprospekte und -elemente sowie die Kostümierung und Regie der Sängerinnen und Sänger.

Boaz Daniel (Alberich) mit Julia Rutigliano, Monika Reinhard und Hannah Gries (Rheintöchter) &copy; Christina Iberl
Boaz Daniel (Alberich) mit Julia Rutigliano, Monika Reinhard und Hannah Gries (Rheintöchter)
© Christina Iberl
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Dabei lassen Formen, Farben und Größe der Objekte sofort an den von Lüpertz aufgenommenen Begriff der „Dithyrambe“ denken, der eigentlich einen rauschartigen Gesang für Dionysos bezeichnet und seine opulente Malweise charakterisiert. Im Gegensatz zum anderweitig eher als Event oder Unterhaltung stilisierten Musikwerk möchte Lüpertz auf Bühnennebel und Videogeflimmer verzichten, die „Oper aus der Sicht des Malers“ erzählen, „poetische Bilder zum Gesang in Bewegung bringen“. Hörer und Betrachter müssen bereit sein, selbst Bilder im Kopf entstehen zu lassen, der Fantasie Raum geben.

<i>Das Rheingold</i> &copy; Christina Iberl
Das Rheingold
© Christina Iberl

So ist die erste Szene der schwimmenden Rheintöchter und ihrem koketten Liebesspiel mit dem lüsternen Nibelungenanführer Alberich bildlich wunderbar eingefangen: Woglinde, Wellgunde und Floßhilde drehen sich im vielfachen Kreisen mit rollbaren Standspiegeln, die auf der Rückseite Lüpertz’ plastische Abbilder der verführerischen Wesen tragen. Monika Reinhard, Hannah Gries und Julia Rutigliano entfachten geschickt und tonal klangsprühend einen schwindelerregenden Wirbel um Alberich, ein „Hasch mich“ wie aus der fingerfertigen Illusion von Taschenspielern zwischen Sein und täuschendem Augenschein. Alberich schwört am Ende der Liebe ab und raubt das Gold, das etwas glanzlos in einem Geröllhaufen schlummert.

Die zweite Szene fängt mit ihrem acht mal vierzehn Meter ausfüllenden Prospekt eine Wiesenstimmung im Vordergrund ein: auf einem Busch eine weise Eule, antike Göttin von Wissen und nächtlicher Wachsamkeit, ein ernstes, beobachtendes Wesen. Hinter einem Flusslauf auf einer Anhöhe die von den Riesen für Wotan errichtete Burg, wie in einer Morgenstimmung von wärmender Sonne hinterleuchtet. Das Götterpaar Wotan und Fricka sowie deren Sohn Donner und Frickas Schwester Freia in langen, durchaus auch mittelalterlich anmutenden Gewändern, mit durch martialische seitliche Goldflügel verzierten prächtigen Helmen. Donners Bruder Froh hebt sich in seinem bunt gepunkteten Harlekingewand ab, genießt offenbar sprichwörtliche Narrenfreiheit.

John Heuzenroeder (Loge), Boaz Daniel (Alberich) und David Steffens (Wotan) &copy; Christina Iberl
John Heuzenroeder (Loge), Boaz Daniel (Alberich) und David Steffens (Wotan)
© Christina Iberl

Im krassen Gegensatz dazu die einfältigen Riesen Fafner und Fasolt, deren bäuerlich rot gestreifte Hemden auf eine muskuläre Beschäftigung deuten. Lüpertz betont ihr Gewicht in der Geschichte durch das seitliche Einschieben ihrer bildhaften Vergrößerung im zusätzlichen kopflosen Kulissenbild. Dass sie dann handfest auf den Lohn ihrer vollendeten Dienste im Auftrag der Götterdynastie dringen und vorsichtshalber Freia als Pfand für die Bezahlung mitnehmen, treibt die eng verschlungenen Handlungsstränge weiter voran. Man mag als Nachteil empfinden, wenn Lüpertz’ Bildfülle oft einhergeht mit weniger ausgeprägter Personenregie und er sich auf die gestische Inspiration der Akteure im Augenblick des Spiels verlässt.

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Mitreißend klangvoll und in überwiegend rhythmisch-rezitativischem Gesang bei nur wenigen längeren Monologen brillierte das herausragende Ensemble des Staatstheaters: Marianne Schechtel als Fricka, Lubov Karetnikova als Freia, Tamta Tarielashvili als Erda; die jungen Donner und Froh mit Mark Hightower und Garrett Evers, riesig Keith Klein und Selcuk Hakan Tiraşoğlu.

David Steffens (Wotan) und John Heuzenroeder (Loge) &copy; Christina Iberl
David Steffens (Wotan) und John Heuzenroeder (Loge)
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Wie mit Loge, einem weiteren Mitglied der Götterfamilie, Hilfe gefunden werden kann, zeigt Lüpertz schon in der rot lodernden, helmbefreiten Punkfrisur des höfischen Intriganten und Opportunisten, der zur Konfiszierung des in Nibelheim lagernden Goldschatzes von Alberich rät. Im unterirdischen Reich der in mühsamer Fron arbeitenden Nibelungen treffen Wotan und Loge auf Alberich, dessen Tarnhelm, vom Bruder Mime geschmiedet (dramatisch tenoral Tobias Glagau), ihm durch Loges List letztlich zum Verhängnis wird.

Neben der kriminellen Energie der Situation ein Stimmfest der Gäste im Ensemble: John Heuzenroeder ein wendiger, taktierender Loge und strahlender Tenor, David Steffens als Wotan mit hoher Bassfülle, Boaz Daniel ein draufgängerischer und sich windender Alberich mit robustem Bass, alle in bemerkenswert klarer Diktion. Mit goldenem Fäustling an der Hand, Sinnbild von Schatz und Goldring, kommen die Götter zurück in ihre Welt.

John Heuzenroeder (Loge), David Steffens (Wotan) und Kinderstatisterie &copy; Christina Iberl
John Heuzenroeder (Loge), David Steffens (Wotan) und Kinderstatisterie
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Nebenbei notiert: die schweißtreibende Schwerstarbeit hämmernder Nibelungen an ihren Ambossen wird in einer Tonaufnahme des „Meininger Rings“ von Christine Mielitz zugespielt, 2001 ein Meilenstein Meininger Theatergeschichte. Kirill Petrenko, inzwischen mit neuem Rheingold in Salzburg, hatte damals viele Thüringer Schmieden besucht, um die idealen Klangwerkzeuge zu finden. Und: ein zum Kind geschrumpfter Alberich erntete in köstlichem Spiel hinter giftgrüner Krötenmaske Szenengelächter, als er sich getarnt aus dem Staub machen wollte.

John Heuzenroeder (Loge) &copy; Christina Iberl
John Heuzenroeder (Loge)
© Christina Iberl

Über Lüpertz’ liebevoller Bebilderung der Regenbogenbrücke ziehen die Götter am Ende optimistisch in ihre Burg Walhall ein, wobei die musikalische Wendung nach Des-Dur bereits den späteren Niedergang in der Götterdämmerung erahnen lässt. Gleichwohl ist eine Fortführung zum neuen Meininger Ring derzeit nicht geplant. Zu hochklassigem Gesang leitete GMD Killian Farrell die Hofkapelle in duftig durchsichtigem orchestralem Tongewebe mit flüssigen Tempi, leicht und beweglich: ein begeisternd luxuriöser Wohlklang!

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