Bis fast zur mitternächtlichen Stunde mussten die Besucher im vollbesetzten Großen Festspielhaus Salzburg ausharren, bis Utopia Choir und Orchestra unter der beflügelnden und anspornenden Leitung von Teodor Currentzis im siebten Satz von Johannes Brahms’ Deutschem Requiem mit den Worten der biblischen Offenbarung des Johannes das Trostfinden der Menschen ausdrückten: „Selig sind die Toten, … sie ruhen von ihrer Arbeit.“ Wo Konzertchöre meist allein Brahms’ singuläre, persönliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Totenmesse auf ihr Programm setzen, hatte der ruhelose wie temperamentvolle Currentzis noch zwei Kompositionen vorangestellt, die – allesamt zeitlich nur etwas mehr als 100 Jahre auseinander – Aspekte zum Leben mit dem Totengedenken beitrugen: Alban Bergs Violinkonzert sowie György Kurtágs Grabstein für Stephan.

Teodor Currentzis © SF | Marco Borrelli
Teodor Currentzis
© SF | Marco Borrelli

Wenn man bislang die Spurensuche in Jonas Jonassons Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand nur für ein amüsantes literarisches Szenario hielt, muss man sich heuer im Musikbetrieb umstellen: dem Hundertjährigen, der infolge einer Schaffenskrise nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956 sich neu erfindet, widmen die diesjährigen Salzburger Festspiele eine Hommage. György Kurtágs ebenso intensive wie radikal reduzierte Musik ist gleich in neun Konzerten des Festivals vertreten.

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Stephan ist der Gatte einer ungarischen Psychologin, die ihm aus der Krise heraushalf. Wie ein unendliches Trauergeleit wirkte der von Pauke und Großer Trommel getragene Schrittrhythmus. Elliott Simpson murmelte auf seiner (elektronisch verstärkten) Gitarre ein stetig wiederkehrendes Abschiedsmotiv, das vom Gesang einer begleitenden Trauergemeinde hereinwehen könnte. Plötzliche Tuttischläge des reichlich mit Blechbläsern und Schlagwerk ausgefüllten Orchesters markierten das Hervorbrechen des Schmerzes der Hinterbliebenen, in ihrer monumentalen Kälte auch das Endgültige des Grabsteins.

Teodor Currentzis dirigiert György Kurtágs <i>Grabstein für Stephan</i> &copy; SF | Marco Borrelli
Teodor Currentzis dirigiert György Kurtágs Grabstein für Stephan
© SF | Marco Borrelli

Brahms-Nähe war für Alban Berg ganz lokal zu erfahren: „nahe Pörtschach, wo das Violinkonzert von Brahms entstanden ist“ werde sein Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels gewidmet“ für den Geiger Louis Krasner entstehen. Berg schrieb es unter dem Eindruck des plötzlichen Todes von Manon, Tochter des Bauhaus-Architekten Walter Gropius, die 18-jährig an den Folgen einer Polio-Epidemie verstarb. In etwas entspannter Anwendung von Zwölftonmusik gelang es Berg, die Vision des lebenliebenden Mädchens im urwüchsigen Charakter Kärntner Ländler ebenso unterzubringen wie den Bachschen Choral „Es ist genug“, in seiner aufreibenden Folge von Ganztonschritten eine tonale Vision des engelhaften Wesens von Manon aufklingen zu lassen.

Vilde Frang &copy; SF | Marco Borrelli
Vilde Frang
© SF | Marco Borrelli

Mit gut 80 Musizierenden, davon 50 Streichern, war das Utopia Orchestra großsinfonisch aufgebaut. Nach einem Harfenakkord war Vilde Frang sofort mitten im harmonischen Getümmel, das Currentzis, halb auch der Solistin zugewandt, mit energischem Eifer antrieb. Frangs anfangs reflektierende Phrase ging im Orchesterschwall etwas unter, sie holte dann die instrumentalen tänzerischen Details der vielschichtigen und diffizilen Partitur immer prononcierter hervor; wunderbar ihr Geigensolo am Ende des Allegretto im Zusammenspiel mit dem Solotrompeter.

Absolut mitreißend darauf Kadenz und Adagio über den Bachchoral, die eine weitschwingende, auch detailverliebte Aura aufspannten aus tonaler Erinnerung und freiem Phrasieren, eine visionäre Entrücktheit über höchste technische Klippen, die eben an Engel denken ließ. Dass Frang, quasi semi-choreographisch, dann mit Violinstimmen konzertierte, die fast wie aus einem Totenreich auf(er)standen, war ein zusätzlicher Interpretationsschritt, der letztlich keine neue Sicht auf die Abschiedsstimmung dieser Requiemmusik erschloss.

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Teodor Currentzis dirigiert Johannes Brahms' <i>Ein deutsches Requiem</i> &copy; SF | Marco Borrelli
Teodor Currentzis dirigiert Johannes Brahms' Ein deutsches Requiem
© SF | Marco Borrelli

Zu Brahms’ Deutschem Requiem bauten sich gut 50 Choristen des Utopia Choir (Choreinstudierung Vitaly Polonsky) hinter dem Orchester auf. Fantastisch, wie ihre Blicke – trotz Notenmaterial – am Dirigenten hingen, langbögig musiziert wurde, die Textaussprache vorbildlich gelang. Ebenso leidenschaftlich, geradezu historisch informiert und vibratoarm das Utopia Orchestra; sie spannten in jedem Satz den Bogen vom Leid zur Freude, markierten Erschütterung, trösteten in verinnerlicht-meditativem Ton. Bewundernswert, wie in all den Getümmelpassagen zwischen überwundenem Todesstachel und Höllensieg die Kräfte noch bis zum finalen „Selig“ reichten.

Mit Matthias Winckhler konnte man einen wissend reifen, ausgefeilt interpretierenden Baritonsolisten mit makelloser Diktion bewundern. Weit unter diesem Niveau blieb leider die Sopranistin Iveta Simonyan, die in der Höhe keine Leichtigkeit fand und bei konsonantenarmer Aussprache Jesajas Trost, wie von einer Mutter kommend, nur bedingt erfahrbar machen konnte. Dennoch ein zutiefst ergreifender Abend!

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