Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen musizieren seit drei Jahren im Duo und haben in dieser Zeit u. a. mit viel Sorgfalt und Sachverstand Beethovens zehn Violinsonaten einstudiert. Im Beethoven-Jahr 2020 wollten die beiden alle Violinsonaten des Jubilars aufführen, woraus zumindest in Berlin nichts wurde. Aber sie konnten immerhin den dritten Teil des Zyklus nachholen und gemeinsam Beethovens letzte drei Violinsonaten in der Philharmonie spielen.

Martin Helmchen und Frank Peter Zimmermann
© Irène Zandel

Eröffnet wurde das Konzert mit der letzten Violinsonate des dreiteiligen Zyklus Op.30. Sie gehört zu den Werken Beethovens, die noch mit einem Bein im 18. Jahrhundert stehen und, wie im Gefolge Haydnscher Instrumentalmusik geschrieben, geistreich unterhalten wollen. Zimmermann und Helmchen sprühten vor Spiellust, ließen im Kopfsatz kreisende Sechzehntel rollen und Raketen in die Höhe aufsteigen bis es in der Durchführung fast geräuschhaft wurde, wenn sich noch scharfe Triller dazugesellten. Im langsamen Menuett des zweiten Satzes wiederholt Beethoven ein- und dasselbe Thema fast unverändert neun Mal. Das Duo verlor sich bei ihrem Vortrag nicht in Melodienseligkeit, sondern fasste diese Reduktion als eine der vielen Scherze auf, mit denen sich Beethoven über die Galanterien der Musik am Hofe amüsierte. Im Allegro vivace wurde es geradezu spöttisch, wenn die Musiker auf dem Contretanz wie im Galopp herumritten, wodurch der Satz unter ihren flinken Fingern den Charakter des Obsessiven annahm. Wunderbar, wie es Zimmermann dabei gelang, die beiden Dolce-Varianten des Themas sorgfältig im Ton zu variieren: nach H-Dur transponiert erklang es hellleuchtend, nach Es-Dur versetzt dunkel-schimmernd.

Das Zentrum des Abends bildete die Aufführung der Kreutzer-Sonate, die ganz im Sinne Beethovens „Molto concertante quasi come díun Concerto“ (in deutlich konzertierenden Stil, fast wie in einem Konzert) vorgetragen wurde. Der erste Satz gehört zu den größten Leistungen des mittleren Beethoven: nicht allein seiner virtuosen an die Solisten gestellten Anforderungen wegen, sondern vor allem auf Grund des philosophischen Gehalts der Sonate, der sie – mit dem von Beethoven bewunderten Schiller gesprochen – als eine „pathetische Satire“ zu hören erlaubt. In der Art des sentimentalischen Dichters machte Beethoven in ihr „die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale zu seinem Gegenstand.“ So eröffnete Zimmermann die Sonate mit einem „Es-war-einmal“ in A-Dur. Die Grundtonart kehrte erst am Schluss der Sonate wieder: Ein „Zurück zur Natur“ gab es nicht, sondern nur ein „Vorwärts zur Versöhnung“ von Natur und Kultur. Zimmermann und Helmchen ließen das erste Thema bloßes ungestaltetes Stückwerk sein. Das zweite leuchtete zwar verheißend auf, blieb aber Episode, wohingegen das dritte Thema zum eigentlichen Hauptgegenstand des Satzes erhoben wurde. Allein zu verfolgen, wie es dem Duo gelang, nach aller Arbeit mit dem Thema sein verändertes Wiedererklingen am Ende der Durchführung als seine Neuschöpfung hörbar zu machen, verlohnte den Besuch dieses Abends! So bewundernswert wie lehrreich war dann noch die Gestaltung der Reprise. Dort wo Beethoven für gewöhnlich die Fäden der Form zu einem Knoten zusammenzog, da zerbrach ihm die Kulmination in dieser Sonate.

Ganz anders gestaltete Beethoven seine zehn Jahre später komponierte letze Violinsonate. Die beiden Musiker überließen sich nach all dem Stürmen und Gewittern der Kreutzer-Sonate in ihrer Darbietung von Op.96 einem kantablen Spiel, das hier nicht wie in Op.47 Episode blieb, sondern dem Werk seine kontemplative Grundhaltung gab. In langen Wellen transzendierten Zimmermann und Helmchen ein Bei-sich-selber-sein in einer Durseligkeit, die ganz untypisch für Beethoven ist. So geriet der erste Molldreiklang zu Beginn der Durchführung ebenso zum Ereignis wie das ins Dunkle herabgezogene Hauptthema zu Beginn der Reprise. Die Legato-Kantilene des zweiten Satzes wird von rhythmischen Verschiebungen nur leicht gestört so wie auch im Scherzo die Taktakzente um eine Zählzeit verschoben sind. Doch wie feinsinnig ließ sich dies im Vergleich zu manchen Grobheiten des mittleren Beethoven musizieren. Die ersten beiden Takte des Themas der abschließenden Variationenfolge sind einem zeitgenössisches Singspiel entlehnt, und auch in diesem Satz ließen die Musiker die H-Dur-Passagen stets hell hervortreten, während, wie im Kopfsatz, die in Es-Dur erklingenden schön abgedunkelt wurden.

*****