Christian Thielemann hat Johannes Brahms' Ein deutsches Requiem so häufig dirigiert, dass er sich dabei einen eigenen sowie überzeugenden Zugang zu diesem Werk erarbeitet hat. Seine Aufführung im Symphoniekonzert IV der Staatskapelle in der Philharmonie Berlin durfte man als in sich gefestigte und geistig in hohem Grade gereifte Darbietung erfahren.

Seine langjährige Erfahrung mit dem Werk nutzte Thielemann, um seine Darbietung im Stufengang zu jenem Licht zu führen, in dem die Suche nach Trost schließlich ihr Ziel findet. So leuchtete es rückwirkend ein, warum Thielemann den ersten Satz, auf den der letzte unmissverständlich Bezug nimmt, bei aller Tonschönheit etwas zurücknahm. Der von Dani Juris glänzend einstudierte Staatsopernchor, der durchweg größten Wert auf die Verständlichkeit der ehrwürdigen Luther-Worte legte, steuerte die langgezogenen „Selig“-Akkorde als Ahnung in den Saal, um so auf die Erfüllung im letzten Satz hinzusteuern. Der als Leichenzug im Dreiertakt charakterisierte zweite Satz rückte das Stück in die Gegenwart, wurde aber mehr als Bericht vorgetragen, als mit großem Pathos aufgeladen.

Im dritten Satz erhebt Brahms die ars moriendi auf die nächsthöhere Stufe und lässt die Einzelstimme sich erheben. Im Ton psalmodierender Rezitation brachte Samuel Hasselhorn die Worte des Gebets zunächst erschüttert, dann gefasst zu Gehör. Thielemann ließ die Fuge des zweiten Satzabschnittes kraftvoll-zuversichtlich musizieren, ohne den Chor durch das Orchester zu übertönen. Es gelang ihm hier, wie so häufig an diesem Abend, mit kleinen Gesten, die Ausdrucksstärke des Chores mit der kommentierenden Funktion des Orchesters zur Deckung zu bringen. Den fließenden, schlichten Chorgesang des vierten Satzes musizierten Orchester und Chor als liebliche Idylle im Zentrum des Werkes.
Die zweite Arie mit Chor, der fünfte Satz, gehörte zu den Höhepunkten der Aufführung. Nikola Hillebrand ließ ihre Partie „Ihr habt nun Traurigkeit“ mit seliger Stimme vom Himmel erstrahlen. Berührend schön war nicht allein, wie sie am Ende dreimal das Wort „wiedersehen“ entschweben ließ, sondern auch, wie der Chor ihrer Botschaft einen fast nur gehauchtem Gesang entgegensetzte: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Wer dies so gehört hat, wird es nie vergessen.

Den sechsten Satz ließ Thielemann zum dramatischen Höhepunkt des gesamten Werks werden, als ein vorweggenommenes Finale, in dem das Dies irae nachgeholt wird. Orchester und Chor evozierten in einer zornigen, wie ein Orkan in den Saal fegenden Klangrede das Jüngste Gericht. Die Frage „Hölle, wo ist dein Sieg?“ wurde zu einer rhetorischen; denn alles sammelte sich zu einer fulminanten Kadenz in C-Dur, die wie die Lichtwerdung in Haydns Schöpfung zelebriert wurde. Die Zuversicht wurde regelrecht erkämpft.
Dann folgte eine lange Pause. Nicht allein „feierlich“ wie vorgeschrieben, sondern in lichteste Transparenz entrückt ließ Thielemann das Werk mit dem letzten Satz als Seligpreisung der Toten und der Beschwörung ihrer Ruhe nach getaner Arbeit ausklingen.



















